Kommentar

Alle Fans gehören zur globalen Familie

Richard Herzinger über die Nationen bei der Fußball-WM

Die Fußball-WM gilt unbestritten als der bedeutendste Wettbewerb in dieser Sportart. Mehr noch, kein anderes Sportereignis, Olympische Spiele eingeschlossen, übt eine größere Faszination aus. Doch diese Anziehungskraft hat etwas Paradoxes. Denn dass Nationalmannschaften den höchsten Titel ausspielen, ist im vollständig globalisierten Fußball-Business eigentlich ein Anachronismus.

Weil hier das Nationalitätsprinzip gilt, können ausgerechnet einige der weltbesten Spieler nicht dabei sein. So etwa Schwedens Superstar Zlatan Ibrahimovic, der als Kind bosnischer Einwanderer und heutiger Topspieler bei Paris St. Germain die Verkörperung des kosmopolitischen Durcheinanders im Weltfußball ist. Sein Geburtsland verfehlte die Qualifikation für die WM. Viele Nationalmannschaften setzen sich heute zu großen Teilen aus Spielern zusammen, die ihre sportliche Qualität nicht in ihrem Heimatland erworben oder niemals dort gelebt haben. Bei der WM-Vorrundenbegegnung Kolumbien gegen Griechenland fand sich unter den 28 eingesetzten Spielern nur ein einziger, der bei einem Verein seines Heimatlandes unter Vertrag steht.

So wird das Prinzip Nationalmannschaft zusehends ausgehöhlt und gleicht sich den kommerziellen Gesetzen des globalisierten Spielermarktes an. Doch unbeschadet davon, dass es immer mehr in den Bereich des Illusionären rückt, ist das Nationale als Identifikationsfaktor im Fußball nicht nur ungebrochen, es nimmt sogar an Bedeutung zu. Das Absingen der Nationalhymnen wird von Publikum und Akteuren als ekstatisches, gemeinschaftsstiftendes Kollektiverlebnis zelebriert. Immer schriller inszenieren sich die in ihre jeweiligen Landesfarben gehüllten Fans als Repräsentanten unverwechselbarer nationaler Einheiten. Wer darin eine Manifestation identitären Widerstands gegen die Auflösung nationaler Homogenität durch die Globalisierung oder gar eine Regression in trotzigen Nationalismus erblicken will, ist schief gewickelt. Die Feier ihrer vermeintlichen nationalen Eigenheit, bei der sie beherzt auf folkloristische – um nicht zu sagen: touristische – Klischees zurückgreift, dient der Fangemeinde als Bekräftigung ihrer Zugehörigkeit zur globalen Familie. Die Nationen machen auf sich als unverwechselbare Farbe im bunten Mosaik der Völkergemeinschaft aufmerksam – nicht etwa, um sich von dieser zu separieren, sondern um sich als Glied ihres Gesamtkörpers fühlen zu können.

Die Feier des Nationalen im Festtaumel der WM ist weit davon entfernt, den Siegeszug des Globalismus zu konterkarieren. Sie illustriert vielmehr, wie weit sich auch das Nationale heute nur noch über das Globale definiert.