Kommentar

Gespaltenes Land im Bürgerkrieg

Jacques Schuster über die Wege zu einem Frieden im Irak

Vielleicht war die Einnahme von Mossul durch die islamistischen Kämpfer der nötige Schock, den es zuweilen braucht, um einem Land, einer Region, der Welt zu verdeutlichen, wie schnell sich die Glut in einen Großbrand verwandeln kann. Das, was im Irak geschieht, ist mehr als ein Fehlschlag. Es ist eine Katastrophe. Trotzdem gleicht der Irak der Gegenwart nicht dem der Nachkriegszeit, als sich das Land zu keinerlei Gegenwehr aufraffen konnte.

Auch wenn die Regierung unter Ministerpräsident Nuri al-Maliki auf ganzer Linie versagt hat, von der Armee ganz zu schweigen, so sind die einzelnen Stämme und Volksteile durchaus in der Lage, der islamistischen Dampfwalze entgegenzutreten, die mit Höchstgeschwindigkeit auf Bagdad zurollt. Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer sind gut ausgebildet und glänzend ausgerüstet. Ähnliches lässt sich von zahlreichen schiitischen Milizen sagen. Beide Kräfte befinden sich nicht nur bereits im Kampf gegen die Dschihadisten, die einen „Islamischen Staat im Irak und in (Groß-)Syrien“ (Isis) errichten wollen, sondern verkünden auch erste Erfolge.

Auch wenn es roh klingen mag: Vielleicht ist die Zeit angebrochen, die seit Jahren schwelenden Konflikte zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, das Erstarken der Islamisten, offen und gewaltsam auszutragen und darauf zu zielen, dass der Irak, diese Missgeburt des Kolonialismus, aufhört, ein künstliches Staatsgebilde zu sein. Sein Erhalt konnte bisher nur durch Gewalt und Rücksichtslosigkeit gesichert werden – selbst in der jüngsten Zeit, in der Maliki die Sunniten zu unterdrücken versuchte. Dass sich Teile der alten Saddam-Armee nun mit den Terroristen der Isis verbünden und sogar Christen mit ins Bündnis treten, ist ein Zeichen des allgemeinen und auch des sunnitischen Missmuts. Er mag bei einzelnen Stammesführern beseitigt werden, wenn ihnen wirkliche Teilhabe versprochen wird. Stabilität im Irak lässt sich jedoch nur gewinnen, wenn Kurden, Sunniten und Schiiten ihre eigenen Staaten gründen oder sich anderen anschließen können.

Für den Westen heißt das nicht, nun teilnahmslos abzuwarten, was geschieht, sondern nüchtern nach den eigenen Interessen zu fragen und keinesfalls wieder Träumen nachzuhängen, wie der Irak als Einheitsstaat demokratisiert werden kann. Oberstes Ziel ist es, einen islamistischen Teilstaat auf irakischem Gebiet zu verhindern. Mit klug eingesetzter finanzieller, militärischer und politischer Hilfe wird dies (noch) möglich sein.