Terror

Hunderttausende auf der Flucht

Im Irak sind Mossul und Tikrit gefallen, nun ist der Weg nach Bagdad für die Islamisten frei

Noch haben sie 20 Liter Wasser. Sie, das sind Vater, Mutter und drei Kinder. Seit vier Tagen ist Familie al-Schamany in der irakischen Stadt Mossul eingeschlossen. Ihr Haus können sie nicht verlassen, denn auf der Straße wartet der Tod. In wenigen Tagen, wenn das Wasser ausgetrunken ist, müssen sie sich entscheiden: Zwischen Verdursten und der Gefahr, erschossen zu werden. „Mossul, das ist die Hölle auf Erden“, sagt der Vater der Berliner Morgenpost. Seit vier Tagen ziehen bewaffnete Banden durch die Straßen der zweitgrößten Stadt des Irak. Am Dienstagabend schließlich hatten die Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in der Levante (Isil) verkündet, dass Mossul von nun an unter ihrer Kontrolle stehe.

Das sind keine guten Nachrichten, vor allem nicht für Familie al-Schamany. Denn sie sind Christen. Die Regierung in Bagdad gab zu, dass ihre Soldaten die Stadt verlassen hätten. Ministerpräsident Nuri al-Maliki rief die Bevölkerung zum Widerstand auf. Wer sich freiwillig melde, werde von der Regierung bewaffnet, sagte er. Mit anderen Worten: Es gibt einen Bürgerkrieg.

Die Lage ist besorgniserregend. Die Offensive der dschihadistischen Kämpfer nähert sich immer weiter der Hauptstadt Bagdad. Nach Mossul brachten die Islamisten bei Gefechten am Mittwoch auch das zentralirakische Tikrit unter ihre Kontrolle. Das türkische Konsulat in Mossul wurde gestürmt, dort nahmen die Angreifer 48 Geiseln, darunter den Konsul. „Ganz Tikrit ist in den Händen der Kämpfer“, sagte ein Polizeioberst in der Hauptstadt der Provinz Salaheddin. Nach Polizeiangaben war die Geburtsstadt des irakischen Ex-Machthabers Saddam Hussein aus nahezu allen Himmelsrichtungen gleichzeitig angegriffen worden.

Hunger lenkt von Angst ab

Auch vom Haus der Familie al-Schamany in Mossul ist nicht viel übrig geblieben. Die Fenster sind zerborsten, seit eine Bombe das Nachbarhaus in Schutt und Asche legte. Die Leiche des Nachbarn liegt immer noch in den Trümmern. An eine Beerdigung denkt hier keiner. Eine Bergung der Leiche wäre zu gefährlich, und Krankenwagen zum Abtransport fahren schon längst nicht mehr. Menschenwürde ist in Mossul ein rares Gut. Es ist das erste Mal, dass Rebellen im Irak eine ganze Provinz unter ihre Kontrolle bringen. Isil-Kämpfer halten jedoch bereits seit Januar die Stadt Falludscha sowie andere Teile der Provinz Anbar im Süden von Ninive. Die überwiegend von Sunniten bewohnte Provinz Ninive ist seit Langem eine Hochburg von Aufständischen wie Isil. Als „sehr merkwürdig“ bezeichnete Emil Shimoun Nona, Erzbischof der chaldäisch-katholischen Kirche von Mossul, das Verhalten von Armee und Polizei in Mossul. Die Sicherheitskräfte hätten keinerlei Gegenwehr geleistet und ihre Posten verlassen.

Die meiste Zeit kauert die Familie al-Schamany im einzigen Zimmer, das nicht zur Straße zeigt. Der Hunger, sagt die Mutter, lenke sie ab von der Angst vor den Bomben. Nach Angaben internationaler Helfer sind Hunderttausende aus der Stadt geflohen. Mehr als 3000 Isil-Kämpfer sind in der Region Mossul aktiv. Die Gruppe gehört zu den radikalsten Sunnitengruppen. Ein Grund für das Erstarken islamistischer Kampfgruppen ist das Machtvakuum in Syrien: Extremistische Milizen haben dort einen Rückzugsort und Zugang zu Waffen.

Die militanten Islamisten fühlen sich inzwischen so stark, dass sie vor nichts mehr zurückschrecken. Am 7. Juni attackierten sie die Universität von Anbar und nahmen Studenten als Geiseln. Vor einigen Tagen griffen sie zwei Gefängnisse in der Nähe der Hauptstadt Bagdad mit Mörsern an und befreiten 500 Insassen, zumeist Gesinnungsgenossen. Auch in Mossul öffneten sich nach der Eroberung die Gefängnistore. 1400 Häftlinge kamen frei. Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Schäfer, appellierte an die verschiedenen politischen Lager, ihren Machtkampf zu beenden und sich schnell auf eine handlungsfähige Regierung zu einigen. Die Bundesregierung sieht die Entwicklung im Irak mit „allergrößter Sorge“.