US-Militär

Held oder Deserteur

Ehemalige Kameraden halten freigelassenen US-Soldaten Bowe Bergdahl für einen Verräter

Während die Eltern von Bowe Bergdahl, 28, ihren Stolz und ihre Seligkeit mit ganz Amerika teilen, werden anklagende Stimmen lauter, die den nach fünf Jahren Taliban-Geiselhaft ausgetauschten US-Soldaten für einen Deserteur und Landesverräter halten.

Auf Facebook und gegenüber dem Kabelkanal CNN brechen frühere Kameraden Bergdahls ihr einst unterzeichnetes Schweigegelübde mit dem Vorwurf, mindestens sechs US-Soldaten seien bei Suchaktionen nach dem „selbstsüchtigen“ Bergdahl damals getötet worden. Über Monate nach Bergdahls Verschwinden am 30. Juni 2009 nahe der pakistanischen Grenze seien Menschen und Material auf die Suche konzentriert und anderswo abgezogen worden, wo sie fehlten.

Es mag sein, dass die Eltern von Bowe Bergdahl diesen Sturm der Verachtung in sozialen Medien meinen, wenn sie eine lange „Dekompressionszeit“ voraussagen. „Bowe war so lange weg, dass es schwierig für ihn sein wird, zurückzukehren“, sagte Vater Robert Bergdahl vor Reportern in Boise im US-Bundesstaat Idaho. Der Vater hatte in den fünf Jahren Sprachen gelernt, die in der afghanischen Grenzregion zu Pakistan gesprochen werden. An der Seite Präsident Obamas hatte er daher die ersten an seinen Sohn gerichteten Begrüßungsworte in Paschtun geäußert.

Bowe Bergdahl wird aktuell im Lazarett des US-Heeres in Landstuhl in Rheinland-Pfalz auf sein Leben in Freiheit vorbereitet. Noch wisse er nicht, wie lange der 28-Jährige behandelt werde, sagte ein Sprecher des größten Lazaretts der US-Streitkräfte außerhalb der USA. In seiner fast fünfjährigen Geiselhaft soll Bergdahl den Taliban Badminton beigebracht haben. Das teilte ein Kommandeur des mit den radikalislamischen Taliban verbündeten Haqqani-Netzwerkes mit.

Die Leute in seinem Heimatort Hailey (Idaho) beschrieben Bowe Bergdahl nach seinem Verschwinden als einen ausgesucht höflichen, verantwortungsbewussten jungen Mann. Kein Job sei ihm zu mühselig gewesen. Er bewährte sich zehn Wochen in 18-Stunden-Tagen als Hilfsfischer auf einem Lachsfangboot in Alaska ebenso wie als Barista in „Zane’s Coffee Shop“. Nun sind gelbe Schleifen zu seinen Ehren in die Bäume seines Heimatorts geflochten. Man wartet auf die Heimkehr eines Helden.

Seine Kameraden von damals sehen das anders. „Ich war damals schon sauer, und heute bin ich es noch mehr wegen des ganzen Getues“, schimpft der ehemalige Sergeant in Bergdahls Einheit, Matt Vierkant, gegenüber CNN. „Bowe Bergdahl desertierte während eines Krieges, und seine amerikanischen Kameraden verloren ihr Leben, als sie nach ihm suchen mussten.“ Vierkant und andere, die sich auf einer anklagenden Facebook-Seite („Bowe Bergdahl is NOT a hero“) austauschen, verlangen ein Verfahren vor einem Militärgericht wegen Desertion.

Es scheint aktuell so, dass das Pentagon unter Chuck Hagel wenig Neigung hat, Bergdahl zur Rechenschaft zu ziehen. „Fünf Jahre (Geiselhaft) sind genug“, zitiert CNN einen anonymen Offizier. Bergdahl war im Zuge eines umstrittenen Gefangenenaustauschs der US-Army übergeben worden. Im Gegenzug wurden fünf afghanische Häftlinge aus dem US-Lager Guantánamo Bay auf Kuba nach Katar geflogen, wo sie zunächst ein Jahr lang unter strikter Überwachung leben sollen.