Ukraine-Krise

Die Angst vor tschetschenischen Kriegern

Lage in der Ukraine verschärft sich, die USA warnen vor radikalen Kämpfern

In den Wirren der Kämpfe in der Ostukraine hat die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zuletzt gleich zwei Beobachterteams vermisst – obwohl eines angeblich von Separatisten auf freien Fuß gesetzt wurde. Nach den verlustreichen und blutigen Gefechten der vergangenen Tage kündigte die Regierung in Kiew an, der Kampf gegen die Separatisten werde bis zur vollständigen Befreiung des Ostens fortgesetzt. In Berlin erzielten Vertreter Russlands und der Ukraine erste Fortschritte bei den Gesprächen über Moskauer Gaslieferungen.

OSZE-Beobachter vermisst

Bewaffnete Kräfte im Osten der Ukraine brachten ein weiteres Beobachterteam der OSZE in ihre Gewalt. Der Kontakt zu den vier internationalen Beobachtern und einem ukrainischen Übersetzer sei Donnerstagabend gegen 1 Uhr abgebrochen, teilte die OSZE mit. Die Bewaffneten hätten die Gruppe, die in zwei Fahrzeugen unterwegs gewesen sei, in der Stadt Sewerodonezk gestoppt, die etwa 100 Kilometer von Lugansk entfernt ist.

Ein anderes Team mit vier Beobachtern wird in der Ostukraine bereits seit dem 26. Mai vermisst. Berichte über deren angebliche Freilassung durch prorussische Separatisten in Lugansk wollte die OSZE nicht bestätigen. Man habe keinen Kontakt zu dem Team und könne die Angaben nicht verifizieren. Zuvor hatte der Separatistenführer Alexej Tschmilenko der russischen Agentur Interfax gesagt, die Beobachter seien auf freien Fuß gesetzt worden. Man habe sie gewarnt, sich künftig nicht mehr ohne Voranmeldung auf dem Gebiet der „Volksrepublik Lugansk“ aufzuhalten. Die prowestliche Führung in Kiew bekräftigte nach den schweren Kämpfen mit Dutzenden Toten ihr Ziel einer vollständige Befreiung der Ostukraine von den Aufständischen. Der „Anti-Terror-Einsatz“ gegen prorussische Separatisten werde erst nach einer vollständigen Stabilisierung der Lage beendet, sagte der kommissarische Verteidigungsminister Michail Kowal. „Wir werden weitermachen, solange die Region nicht normal lebt und arbeitet.“

Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte den Westen auf, sich dem russischen Vorgehen in der Ostukraine entschlossen entgegenzustellen. „Russland nicht abzuschrecken hätte desaströse Folgen“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Gleichzeitig warf er Moskau vor, für „Spannungen und Terroranschläge“ im Osten der Ukraine verantwortlich zu sein. Für direkte Gespräche zwischen Russland und der Ukraine gebe es momentan kein Vertrauen.

US-Außenminister John Kerry appellierte an Moskau, auf den neu gewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zuzugehen. Russland müsse mit Poroschenko zusammenarbeiten, um den Konflikt in der Ukraine zu deeskalieren, sagte Kerry nach Angaben des Weißen Hauses in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow. Er habe sich zugleich besorgt über Berichte geäußert, wonach ausländische Kämpfer, besonders aus Tschetschenien, über Russland in die Ukraine kommen.

Im Gasstreit zwischen Moskau und Kiew zeichnete sich aus ukrainischer Sicht ein Kompromiss ab. Der ukrainische Versorger Naftogas habe 786 Millionen US-Dollar (576 Millionen Euro) zur Begleichung von Gasschulden überwiesen, sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger nach einem Treffen mit den Energieministern beider Länder. Das mache eine Lösung wahrscheinlicher. „Wir haben heute noch kein abschließendes Paket, aber weitere Fortschritte erreicht“, sagte er. „Insgesamt hat sich heute doch schon ein gewisser Kompromiss abgezeichnet“, so der ukrainische Energieminister Juri Prodan. Russland droht damit, der Ukraine von Dienstag an den Gashahn zuzudrehen. Das Land beziffert die ukrainischen Gasschulden auf 5,2 Milliarden US-Dollar. Russland ist aber bereit, die Verhandlungen mit Kiew am Montag in Brüssel fortzusetzen, wenn die 786 Millionen US-Dollar bis dahin auf einem Konto von Gazprom eingegangen sind.