Wahlkampf

Die Inszenierung von Köln

Der türkische Regierungschef Erdogan lässt sich feiern. Zehntausende Gegner protestieren

Tausende Handys leuchten, Tausende Flaggen mit dem türkischen Halbmond wehen hin und her. Geschlagene eineinhalb Stunden haben Vorredner die voll besetzte Kölner Lanxess-Arena in Stimmung gebracht. Sie haben auf den Westen geschimpft und ihrem Ehrengast gehuldigt. Manchmal überschlug sich ihre Stimme. Und nun ist er da. Der türkische Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan betritt die Bühne. Tosender Jubel unter den 18.000 Gekommenen – ein Popstar könnte nicht begeisterter begrüßt werden.

Dann wird aus dem Koran rezitiert, es ertönt der Ruf des Muezzin, es wird gebetet. Man sei fern der Heimat, sagt der Vorbeter, „wir vermissen die Türkei“. Noch bevor Erdogan ein Wort gesagt hat, ist deutlich: Dies ist eine politische Veranstaltung, die höhere Weihen beansprucht. Hier vermischen sich Politik und Religion.

Während Erdogan in der Lanxess-Arena von seinen Anhängern gefeiert wird, ziehen auf der anderen Rheinseite seine Gegner durch die Stadt – es sind mehr als 30.000. „Der deutschen Bevölkerung muss gezeigt werden, dass man einem Diktator wie Erdogan keinen Platz lassen und auch keine Bühne geben sollte“, meint Ümit Üc, der in einem Demo-Zug durch die Innenstadt mitmarschiert. Auf Plakaten ist zu lesen: „Erdogan, du bist kein Demokrat“ oder auch „Erdogan: Räuber, Mörder, Lügner“.

Manche tragen Sicherheitshelme mit dem Aufschrift „Soma“ in Erinnerung an den schweren Grubenunfall in der Türkei, bei dem 301 Menschen starben. So auch Behlül Cevikel: „Es ist menschenverachtend, wenn jemand so kurz nach einem Minenunglück nach Deutschland kommt, weil er hier 1,5 Millionen Wahlberechtigte gewinnen möchte.“ Zekiye Baskin ergänzt: „Er will Präsident werden, aber wir wollen diesen Betrüger nicht. Er unterdrückt alle, die ihn nicht unterstützen“, meint die Muslimin. Es wird erwartet, dass Erdogan im August für das Präsidentenamt der Türkei kandidiert. Die Studentin Esra kritisiert, es sei geschmacklos, dass er dafür eine solche „Jubelshow“ inszeniere. Erdogans Gegner folgen vor allem dem Aufruf der Alevitischen Gemeinde. Die liberal-islamische Glaubensgemeinschaft der Aleviten ist in der Türkei nicht offiziell anerkannt. Ihre Vize-Generalsekretärin Melek Yildiz fordert den Rücktritt des türkischen Regierungschefs und ruft: „Erdogan, du bist ein Antidemokrat.“

In der Halle hat Erdogan nun das Wort ergriffen. Er beginnt gemäßigt, überbringt herzliche Grüße aus der Türkei. Er schmeichelt seinen Zuhörern: „Unser Volk ist stolz auf euch“ und dankt seinen „Schwestern und Brüdern“ für ihre Hilfe nach dem Grubenunglück. Das alles vor riesigen türkischen Flaggen und laufenden Kameras, die die Bilder auch in die Heimat senden. Die Anhänger – manche in Erdogan-Schals und mit Postern ausgerüstet – sind begeistert, schwenken unermüdlich türkische Fahnen. Auch von den Rängen hängen Landesflaggen.

Als Erdogan das erste Mal den Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel fallen lässt, gibt es Buhrufe. Doch als der islamisch-konservative Politiker ihr für ihre Teilnahme nach dem Bergwerksunglück von Soma dankt, brandet plötzlich Applaus auf. Und dann legt Erdogan los: Die deutschen Medien hätten das Unglück von Soma zum Teil ausgeschlachtet und ihn beleidigt. Eine Zeitschrift habe ihn zum Teufel gewünscht: „Wie das wohl gehen soll?“, fragt er süffisant. Leider bekämen die deutschen Medien dabei noch Schützenhilfe von manchen „illegalen Kräften“ aus der Türkei. Erdogan betont auch, dass die Türkeistämmigen an ihren Wohnorten immer für die Integration gewesen seien. Dabei müssten sie sich jedoch ihre Kultur bewahren können. Bei Religion, Sprache und Tradition könnten die Türkeistämmigen keine Zugeständnisse machen. „Wenn man von der Assimilation spricht, dann sagen wir nein.“

Die Arena liegt Erdogan zu Füßen. Was er kritisiert, wird mit Buhrufen aufgenommen, was er sonst sagt, mit Jubel. Man hat den Eindruck: Die Zuhörer in der Kölner Arena bekommen genau das, was sie erwartet haben. Fanatische Untertöne im Publikum sind weder zu überhören noch zu übersehen. Auf einem Transparent heißt es gar: „Wir sind hier, um dich noch mächtiger zu machen. Wir sind hier, um für dich zu sterben.“