Ukraine

„Der Pate von Donezk“

Wie der Oligarch Rinat Achmetow den Separatisten die Stirn bietet und sich für die Einheit der Ukraine einsetzt

Auf dem Maidan in Kiew ist der Oligarch Rinat Achmetow eine Persona non grata, im Osten der Ukraine dagegen womöglich die letzte Hoffnung im Kampf gegen die Separatisten. Wochenlang hielt sich der reichste Mann des Landes weitgehend aus dem Konflikt heraus, doch nun schickt er seine Armee: Mit Overalls und Baustellenhelmen statt Waffen rücken Stahlarbeiter und Kohlekumpel aus seinem Firmenimperium an, um die Trümmer der Separatisten in Mariupol aufzuräumen. Mit Baggern reißen sie in Mariupol die Barrikaden aus Autoreifen und Paletten nieder, die die Aufständischen nach der Vertreibung aus dem besetzten Rathaus zurückgelassen haben. Die Polizei hilft ihnen dabei, die maskierten Separatisten lassen sich nicht blicken.

Die Räumung der Straßen von Mariupol ist vor allem eine symbolische Geste. Aber sie macht klar, wie sehr der Konflikt inzwischen Achmetows Geschäftsinteressen bedroht – und wozu er bereit ist, um sein Stahlimperium im Donbass mit 300.000 Beschäftigten zu schützen. Früher zählte der Tatare, dessen Vermögen auf über acht Milliarden Euro geschätzt wird, zu den Unterstützern des inzwischen geflohenen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Auf welcher Seite der Fußballnarr heute steht, der seinem Klub Schachtar Donezk in der gemeinsamen Heimatstadt ein spektakuläres Stadion in der Form einer fliegenden Untertasse spendiert hat, war zuletzt nicht immer ersichtlich. Als die Separatisten im ganzen Donbass Verwaltungsgebäude unter ihre Kontrolle brachten, warb Achmetow zwar für die Einheit der Ukraine. Doch der 47-Jährige vermied es, das gewaltsame Vorgehen der Aufständischen zu verurteilen.

Seit die Separatisten Donezk am Montag allerdings für unabhängig erklärten, hat sich der Aufstand zur echten Bedrohung für Achmetows Firmenimperium entwickelt. Denn Russland schwieg zu der Bitte der Rebellen nach einem Anschluss der Region an den großen Nachbarstaat. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Donezk sich in absehbarer Zeit neben Gebieten wie Abchasien und Südossetien in Georgien, Nagorni-Karabach in Aserbaidschan und Transnistrien in Moldau einreihen könnte. All diese selbst ernannten Ministaaten entstanden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Kaum ein Land erkennt sie an, die meisten Länder ignorieren sie schlicht. Würde sich Achmetow mitsamt seinem auf dem Export aufgebauten Firmenimperium plötzlich in der rechtlichen Grauzone eines Zwergstaates wiederfinden, dürfte das seinen Geschäften empfindlich schaden.

„Niemand will, dass Donezk in irgendeiner Art von Grauzone landet, die die Welt nicht anerkennt. Das wäre sehr schmerzhaft für uns“, sagt Juri Sintschenko, der Generaldirektor der Iljitsch-Eisen- und Stahlwerke in Mariupol. Das Unternehmen gehört zu Metinvest, an dem Achmetow die Mehrheit hält. Metinvest liefere in mehr als 100 Länder, und die Exportrouten könnten in Gefahr sein, wenn rechtlich dubiose Entscheidungen über die Zukunft der Ostukraine getroffen würden. „Das ist nicht nur uns klar, dem Konzern, dem Management und den einzelnen Firmen, sondern auch den Arbeitern“, erklärt Sintschenko. „Das sind mehr als 300.000 Leute und ihre Familien, eine gigantische Armee.“

Für die Separatisten ebenso wie für die Führung in Kiew wäre es leichtsinnig, diese Armee zu ignorieren. Achmetow habe erkannt, dass seine bisherige Taktik der Passivität ihm nicht genutzt habe, sagt der Analyst Wolodimir Fesenko dazu. „Er versteht, dass seine Taktik der passiven Neutralität nicht aufgeht. Er wird eine aktive Vermittlerrolle zwischen den Separatisten und der Regierung übernehmen müssen.“

Der Vizegouverneur der ostukrainischen Region Dnepropetrowsk, Boris Filatow, will seine Provinz jedenfalls gegen die Separatisten verteidigen. Eine Volksrepublik werde es nicht geben – zur Not werden sich die einfachen Bürger wehren.

Sein Einfluss schrumpft

Der Aufstieg des Bergarbeitersohnes Achmetow fällt in die Zeit der Bandenkriege der 90er-Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, seither nennen ihn manche den „Paten von Donezk“. In der Regenbogenpresse sorgte er zuletzt für Aufsehen, als er sich für knapp 150 Millionen Euro eine Wohnung in London leistete. Gewöhnlich vermeidet der 47-Jährige aber Interviews und öffentliche Auftritte.

Am Mittwoch allerdings produzierte der sonst so kamerascheue Oligarch ein vierminütiges Video für die ukrainischen Fernsehsender. „Ich glaube fest daran, dass der Donbass nur in einer geeinten Ukraine glücklich sein kann“, erklärte er in dem Film. Außerdem stellte er sich hinter das Vorhaben der Regierung in Kiew, den Regionen mehr Autonomie zu verleihen.

Doch die turbulenten letzten Monate mit den tödlichen Schüssen auf dem Maidan, Janukowitschs Flucht und dem Anschluss der Krim an Russland haben Achmetows Einfluss schrumpfen lassen. In seiner Hochburg im Osten ist er zwar weiter außerordentlich beliebt. Dagegen war sein Ruf in Kiew wegen der Unterstützung Janukowitschs noch nie der allerbeste.

Die Kontrolle über Mariupol ist der Schlüssel zum Schicksal der Region um Donezk. Wie viel Macht Kiew hier noch genießt, wird sich bei der für den 25. Mai geplanten Präsidentenwahl zeigen. Momentan scheint es so, als solle die Abstimmung in Mariupol stattfinden – offenbar mit dem Einverständnis Achmetows. Der Oligarch wird von beiden Seiten umworben. „Wir treffen uns hin und wieder“, sagt der Anführer der selbsternannten Republik Donezk, Denis Puschilin, als er über sein Verhältnis zu Achmetow befragt wird. Aber der Stahlbaron Sergej Taruta betont, Achmetow stehe nicht auf der Seite der Separatisten. „Welche Rolle er spielt, können Sie an den Vorgängen in Mariupol ablesen“, sagt der von der Regierung in Kiew ernannte Gouverneur der Region Donezk. „Seine Arbeiter kämpfen gegen das, was sich hier abspielt. Wir werden in Mariupol beweisen, wie man eine faire Wahl abhält.“