Interview

„Schminkt euch in Schwarz-Rot-Gold“

Innenminister Thomas de Maizière über die Gefahren für die Fans bei der WM in Brasilien

Berliner Morgenpost:

Herr Minister, sind Sie von der Vorbereitung der deutschen Nationalelf auf die Fußball-WM überzeugt?

Thomas de Maizière:

Eindeutig ja. Ich bedauere natürlich, dass es eine Reihe von Verletzten gibt. Schlüsselspieler wie Khedira müssen erst wieder richtig fit werden. Aber wir haben alle Chancen, gut abzuschneiden.

Reicht es für den Titel?

Die Welt schläft ja nicht. Die Spitze ist enger zusammengerückt. Und Brasilien zu Hause zu schlagen, das wäre schon eine Wucht.

Die Nachrichten aus Brasilien werden bestimmt von Demonstrationen, Streiks und Gewalt. Ist das Land bereit für das Turnier?

Vor Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen sagen viele: Das kann nie etwas werden. Vor vier Jahren, als ich auch Innenminister war, haben alle mit großen Sorgen nach Südafrika geschaut: Die Weltmeisterschaft ist dann großartig geworden! Ich bin sehr zuversichtlich, dass Brasilien ein sehr gutes Turnier veranstaltet. Die Fußballbegeisterung wird groß sein. Dass Brasilien ein Land mit vielschichtigen Problemen ist, eine sogenannte Schwellenmacht mit neuem Reichtum und zugleich bitterster Armut und auch einer hohen Kriminalitätsrate, das ist wahr.

Sind Spieler und Fans sicher?

Brasilien wird alles dafür tun. Wir unterstützen die Gastgeber ein bisschen dabei, indem wir eine gute Hand voll deutscher Polizisten entsenden. Die Beamten sind mit der Hooliganszene hier in Deutschland vertraut und werden ihre Erfahrungen und Kenntnisse mit den brasilianischen Kollegen teilen. Mein Ratschlag an die Fans selbst lautet: Zeigt eure Fußballbegeisterung. Zeigt, wo ihr herkommt, indem ihr stolz die deutsche Nationalfahne präsentiert oder euch in Schwarz-Rot-Gold schminkt. Seid höflich und zurückhaltend. Dann werden die Brasilianer entsprechend positiv reagieren.

Das reicht?

Beim Karneval in Rio gibt es auch Kriminalität. Man darf vielleicht nicht in jedes Viertel jeder Stadt gehen. Aber ich bin ganz sicher, dass gerade deutsche Fans, die sich höflich und fußballbegeistert zeigen, sehr warmherzig von den Brasilianern aufgenommen werden.

Ihre nächste Reise führt Sie ein paar Tausend Kilometer weiter nördlich – nach Washington. Erwarten Sie neue Erkenntnisse in der NSA-Affäre?

Nein, damit ist nicht zu rechnen. Es geht um regelmäßige Kontaktpflege. Ich bin immer einmal pro Jahr in die USA gefahren. Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus brauchen wir dringend die Zusammenarbeit mit den USA. Ich werde einen zusätzlichen Akzent dadurch setzen, dass ich nicht nur mit Regierungsvertretern spreche, sondern auch mit Firmen, die von Amerika aus im Internet aktiv sind. Im Übrigen habe ich gern die Äußerungen des neuen NSA-Chefs vernommen, der die Kritik aus Deutschland an der maßlosen Ausspähung aufmerksam zur Kenntnis genommen hat.

Haben Sie inzwischen eine Vorstellung von der Dimension der Affäre?

Ich will das gar nicht auf die NSA reduzieren. Wir verzeichnen täglich eine Vielzahl von Angriffen auf unsere Netze. Als Beispiel nenne ich einen schwerwiegenden Angriff auf das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum. Es ist oft sehr schwer, überhaupt festzustellen, woher und von wem solche Angriffe kommen. Wir sollten uns auch nicht zu sehr konzentrieren auf diejenigen, die zugreifen...

Sondern?

Wir sollten uns besonders darauf konzentrieren, dass nicht so einfach zugegriffen werden kann. Eine letzte Sicherheit wird es aber nie geben. Kein Staat der Welt ist imstande, eine E-Mail so zu schützen wie einen verschlossenen Brief. Vertreter bedeutender Unternehmen sagen mir, dass sie strategische Gespräche nur noch Auge in Auge führen – und nicht mehr per Videokonferenz. Das halte ich für sinnvoll. Die Bequemlichkeit der Kommunikation über das Internet hat ihren Preis.

Würde es helfen, wenn E-Mails, die innerhalb des Schengen-Raums gesendet werden, auch dort blieben?

Dieses sogenannte Schengen-Routing wird intensiv diskutiert. Ich habe aber Zweifel, ob Aufwand und Nutzen wirklich ausgewogen sind. Was bringt es denn einer Privatperson in Malmö, wenn ihre E-Mail nach Sizilien den europäischen Raum nicht verlässt – und sie gleichzeitig Twitter und Facebook benutzt? Wir sollten uns vielmehr auf die Frage konzentrieren, wie wir die Zugänge in unsere Systeme schützen.

Als Vertrauter der Kanzlerin sind Sie für ausländische Geheimdienste besonders interessant. Wie schützen Sie sich?

Ich habe ein verschlüsselungsfähiges Handy. Aber auch bei diesen Gesprächen lasse ich Vorsicht walten. Das Handy selbst halte ich auch im Ausland stets am Mann.

In welchem Zustand sehen Sie die Partnerschaft mit den USA?

Der Wert dieser Beziehungen ist überragend: für Deutschland, Europa, aber auch für die USA. Die Vereinigten Staaten haben mit Deutschland und der Europäischen Union sehr zuverlässige Partner und Freunde. Das muss man den Amerikanern auch immer wieder in Erinnerung rufen. Auf meiner Reise werde ich das tun. Was die Stimmung angeht, mache ich mir durchaus Sorgen um die transatlantischen Beziehungen.

Inwiefern?

Es gab sehr negative Ausschläge in einer bestimmten Amtsphase von George W. Bush und sehr positive Ausschläge zu Amtsbeginn von Obama. Überschwängliche Gefühle von Zuneigung und Abneigung sind hier auch ein Problem. Natürlich kann man die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht ohne Herz betreiben, aber sie brauchen auch Verstand und Interesse. Hochmut gegenüber unserem Datenschutz ist da fehl am Platz. Wir brauchen gegenseitigen Respekt – und wir sollten etwas nüchterner Lob und Kritik verteilen.