Kritik

Die Scharfmacher gegen die Fußball-WM

Ein junges brasilianisches Paar führt die Proteste gegen Regierung und Fifa an

Da mag die Weltmeisterschaft vor der Tür stehen, aber bei all dem Chaos ist es gar nicht so einfach, auch noch über Fußball zu reden. Gustavo Mehl und seine Freundin Daniela Orofino blicken lange in den sternenklaren Himmel über Rio de Janeiros Szeneviertel Gloria, ehe sie die Frage beantworten, was dieses Turnier einmal für die beiden war. Schließlich sagt sie, es sei ein wahr gewordener Traum gewesen. Gustavo stimmt zu: Ja, so dachten alle, als der Fußball-Weltverband Fifa Brasilien vor sieben Jahren zum Austragungsort der WM 2014 kürte. Football’s coming home, nicht im wahrsten Sinne des Ausspruchs, aber irgendwie ja doch. Samba-Fußball, brasilianische Lebensfreude – es sollte ein Fest werden. Seit der WM-Vergabe gab es für die brasilianischen Fußball-Fans viele ernüchternde Momente, die meisten Träume sind geplatzt wie Seifenblasen. Auch für Gustavo, den 31 Jahre alten PR-Berater, und Daniela, 21 und Studentin, die sich bei den Aktionen gegen die WM kennen- und lieben gelernt haben.

Anführer des Volkskomitees

Sie schmücken in diesen Tagen nicht die Straßen oder debattieren über die Erfolgschancen ihrer Selecao, sondern stülpen sich Gasmasken über und machen ihrer Wut auf den Straßen Rios Luft. Das Paar gehört zu den Anführern des „Volkskomitees Weltmeisterschaft und Olympia“, das die Lügen der Regierung zählt, die Polizeigewalt dokumentiert und zu Protesten für mehr Gerechtigkeit und gegen die Fifa aufruft. In jener Nacht in Gloria am Mittwoch dieser Woche sind es nur noch ein paar Stunden bis zur nächsten Demo. Landesweit haben verschiedene Gruppen vier Wochen vor dem Turnierstart zu Demonstrationen aufgerufen, Rio ist eine der Hochburgen.

„Jetzt beginnt die heiße Phase. In vier Wochen startet die WM, deswegen intensivieren wir unsere Aktionen. Wir wollen Veränderungen, wir lassen nicht locker“, sagt Gustavo und schaut seine Freundin an. Sie nickt. Keiner der beiden redet sich bei diesem Treffen in Rage, sie sprechen leise und argumentieren klar. Das Paar gehört zu der jungen Generation der Brasilianer, die als Erstes ihrem Unmut über den Umgang mit dieser WM Luft gemacht hat.

Natürlich hoffen sie, dass die Proteste bis zum Anpfiff des Turniers wieder so groß werden wie im vergangenen Jahr beim Confederations Cup, als Hunderttausende durch die brasilianischen Großstädte zogen. „Aber ich weiß, dass heute viele Menschen Angst haben. Es wird dauern, ehe wir wie damals die Massen mobilisieren. Hier herrscht eine große Angst vor Gewalt“, sagt er. „Auch ich habe Angst“, sagt Daniela: „Man kann hier nie wissen, was passiert.“ In den vergangenen Monaten machte sie sich bei Protesten ein paar Mal aus dem Staub, als es zu gefährlich wurde. Freunde von ihr wurden verletzt, als Gewalt ausbrach.

Vor einem Jahr waren die Proteste in Brasilien teilweise völlig außer Kontrolle geraten. Militärpolizisten feuerten mit Gummigeschossen auf friedliche Demonstranten, in den Reihen der Protestler formierte sich ein Schwarzer Block, der seinerseits die Sicherheitskräfte mit Molotowcocktails und Steinen attackierte. Szenen wie diese haben viele Brasilianer, die wegen der WM zum ersten Mal seit Jahrzehnten überhaupt wieder auf die Straße gingen, abgeschreckt. Die meisten von ihnen, so ist zu erwarten, werden nun erst mal zu Hause bleiben – selbst wenn ihr Ärger längst nicht verraucht ist.

„Die Unterstützung ist groß“

Die, die protestieren, müssen mit Festnahmen rechnen. Die Regierung will in Kürze ein neues Gesetz verabschieden, durch das die Demonstranten unter Terrorverdacht gestellt werden. „Dass so etwas in einem demokratischen Land möglich ist, kann ich nicht glauben“, sagt Daniela, die vor dem Beginn der neuen Protestwelle viele Gespräche mit Rechtsanwälten geführt hat. Einige von ihnen sollen nun am Rande der Demos mitlaufen und die Polizeibeamten beobachten. Kommt es zu Festnahmen, stehen sie den Festgenommen zur Seite. „Selbst wenn viele Menschen im Moment nicht protestieren wollen, ist die Unterstützung für uns sehr groß“, sagt Daniela.

Hat der Protest bislang irgendetwas bewirkt? Auf jeden Fall, sagen beide unisono. Brasilien sei heute viel politischer als früher, die Menschen würden sich für ihre Rechte und Gerechtigkeit einsetzen: „Und sie werden nicht locker lassen.“ Auf dem Gelände des legendären Maracana-Stadions in Rio sollte nach der Privatisierung eine Schule abgerissen werden, auch da gab es einen Aufstand. Die Schule bleibt stehen.

Gustavo und Daniela träumten einst von einem Fest mit Samba-Fußball und Unbeschwertheit. Davon ist kurz vor der Weltmeisterschaft allerdings nicht mehr viel übrig.