Minenexplosion

Gegen „die da oben“

Das Grubenunglück in Soma entfacht neben Trauer auch Wut. Der tragische Unfall bekommt eine politische Dimension

Als tief unter der Erde die Luft explodierte, in der türkischen Kohlengrube bei Soma, da war es, als würde auch eine politische Bombe gezündet. Die Druckwelle ist im ganzen Land zu spüren. Vor allem Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bekam es hautnah mit. Als er, der sich seinen sonstigen Auftritten im „Volk“ immer von mit Bussen herbeigeschafften Parteianhängern bejubeln lässt, sich im Schutz nur weniger Dutzend Polizisten aus Somas Straßen wagte, entlud sich eine solche Wut gegen ihn, wie er sie noch nie erlebt hatte.

Verhaftet und weggeschleift

„Zurücktreten!“, skandierten die aufgebrachten Menschen. In den Minuten zuvor waren einige von ihnen bereits von Polizisten verhaftet und weggeschleift worden. Bei Erdogan brannten die Sicherungen durch. „Buh mir hier ins Gesicht“, rief er einem grauhaarigen Mann zu, den er dann bis in einen kleinen Supermarkt verfolgte, begleitet und beschützt von seinen Leibwächtern. In einer Videoaufnahme von dem Vorfall soll zu sehen sei, wie er den Mann am Ende schlägt. In Wahrheit ist das auf den Bildern nicht auszumachen. Aber die Wut und die Aggressionsbereitschaft Erdogans sehr wohl. Als die Delegation des Ministerpräsidenten schließlich zu ihren Autos gelangte, da versetzte ein Demonstrant einem der Wagen einen Fußtritt. Polizisten hielten ihn fest, und Yusuf Yerkel, ein Berater Erdogans, der in dem Wagen Platz nehmen sollte, lief wutentbrannt auf den von zwei Uniformierten am Boden festgehaltenen Mann los und begann auf ihn einzutreten.

Daran kann man wohl vor allem eines erkennen: die Wut der AKP-Führung auf die Menschen, die nicht aufhören wollen, sie zu kritisieren. Nach den scheinbar aus dem Nichts geplatzten Gezipark-Protesten gegen Erdogan letzten Sommer, und nach den urplötzlich hereingebrochenen Korruptionsenthüllungen seit Mitte Dezember gibt es jetzt schon wieder eine plötzliche, unvorhersehbare und für Erdogan und die AKP gefährlich explosive Lage.

Yerkels Fußtritte drückten das aus, was die AKP derzeit empfinden mag: Maßlose Wut gegen die Menschen der Türkei, die es wagen, ihre Macht und deren Berechtigung in Frage zu stellen. Für Erdogan war das Bad im Volkszorn eine ganz neue Erfahrung. Noch nie musste er Vergleichbares erdulden, er ist organisierten oder auch spontanen Beifall seine Anhänger gewohnt. Als er auf die Straße trat, da gab es eine Viertelsekunde, wo es den Anschein hatte, als wolle er mild lächelnd der Menge zuwinken, wie er es sonst immer tut. Aber dann schien er zusammenzusinken: Diese Menschen schreien nicht, weil sie ihn verehren, sondern weil sie ihn hassen. Was mag da in ihm vorgegangen sein? Wie wird es seine nächsten Schritte beeinflussen?

Im August finden Präsidentschaftswahlen statt, alles sieht derzeit danach aus, als würde Erdogan kandidieren. Immer wieder hatte sich zwar der gegenwärtige Staatschef Abdullah Gül rhetorisch gegen ihn positioniert, und er könnte theoretisch auch statt oder gegen Erdogan antreten. Aber zuletzt galt es als ausgemacht, dass Gül sich gefügt hatte, dass er nicht nur Platz machen wird für Erdogan, sondern sich ganz aus der Politik zurückziehen wird. Und doch. Als er am Donnerstag, einen Tag nach Erdogan, ebenfalls nach Soma reiste, da waren alle Augen auf ihn gerichtet: Was würde er sagen? Sieht er, sehen jene die ihn unterstützen eine plötzliche Chance oder gar Verantwortung, Erdogan doch noch die Stirn zu bieten? Wer das gehofft hatte, wurde enttäuscht. Zwar sagte Gül, die Türkei müsse ihre Sicherheitsnormen so weit verbessern, dass man das Niveau anderer entwickelter Länder „im 21. Jahrhundert“ erreiche. Damit machte er indirekt Erdogan lächerlich, der am Vortag auf einer bizarren Pressekonferenz in Soma Vergleiche aus dem England des 19. Jahrhunderts herangezogen hatte, offenbar um zu argumentieren, die Türkei sei genau so modern.

„Unser Leid ist groß“

Aber ansonsten war er human wie immer, sprach tröstende, aber politisch irrelevante Worte, und vermied jeden Eindruck, das Leid der Menschen ausschlachten zu wollen, um damit einen politischen Vorteil zu erreichen. Nach Erdogans Abenteuern am Vortag war für Güls Besuch ein außerordentliches Sicherheitsaufgebot organisiert worden, und auch ihm blieben verärgerte Zurufe aus den Reihen der Angehörigen der Opfer nicht erspart. Aber es gab auch solche Zurufe: „Helfen Sie uns, unser Leid ist groß.“

Auch Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu, der wie Erdogan am Vortag nach Soma gekommen war, hatte die Wut und Verzweiflung der Betroffenen zu spüren bekommen. Dabei hatte seine Partei, die CHP, erst kürzlich im Parlament gefordert, die Sicherheitsprobleme in der Mine von Soma zu untersuchen – und war von der AKP-Regierungsmehrheit abgeschmettert worden. Das Leid der Menschen richtet sich nicht gegen einen einzelnen Politiker, es richtet sich gegen „die da oben“, die absahnen, und die das Leid des kleinen Mannes nicht kümmert.