Kommentar

Im Labor Putins

Jörg Eigendorf über die Separatisten in der Ostukraine

Es hat etwas von einem Geschichtslabor, was derzeit im Osten der Ukraine passiert. So ähnlich muss es in Russland 1917 oder in Deutschland Anfang der Dreißigerjahre zugegangen sein. Eine kleine radikale und gewaltbereite Gruppe besetzt staatliche Gebäude. Die Stimmung wird angeheizt durch furchtbare Ereignisse wie den Brand in Odessa, dem vor zehn Tagen 38 Menschen zum Opfer fielen. Gleichgeschaltete Medien sorgen dafür, dass sich die Bilder auch entsprechend verpackt in den Köpfen festsetzen. „Ein Genozid am russischen Volk“, das ist Odessa nun, auch wenn überhaupt nicht klar ist, wie genau es zu diesem Brand kam und warum so wenig getan wurde, die Zahl der Opfer zu verringern. In der Folge haben die radikalen Separatisten vor Referenden zur Unabhängigkeit der Gebiete Donezk und Lugansk großen Zulauf bekommen, und die schweigende Mehrheit weiß dem nichts entgegenzusetzen. Weil sie nicht will oder kann. Oder weil sie Angst hat. Es gibt ja keinen Staat mehr, der sie schützt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier habe jemand geschickt von langer Hand Regie geführt.

Wenn Menschen in ganz Europa nun irritiert und besorgt auf die Ostukraine schauen, dann tun sie gut daran. Ja, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten haben Fehler gemacht. Damit aber das zynische Schauspiel zu rechtfertigen, das der russische Präsident Wladimir Putin gerade auf der ukrainischen Bühne aufführen lässt, ist naiv und fahrlässig zugleich. Die russische Regierung zieht eine Bewegung heran, die imstande ist, Europa zu spalten. Europa wird nach diesen Referenden mit einem „Noworossija“ in direkter Nachbarschaft aufwachen, in dem demokratisch und liberal gesinnte Menschen keinen Platz mehr haben.

Die Geister, die Putin da gerufen hat, werden sich so leicht nicht mehr bändigen lassen. In der Ukraine wird die separatistische Bewegung auf die gleiche Art und Weise andere Regionen, allen voran das Industriezentrum Dnepropetrowsk, zu kapern versuchen. Das wird neue Unruhen, Kämpfe und Tote bedeuten. Und die Gefahr ist groß, dass die Vorbilder Donezk und Lugansk auch in den ärmeren Gebieten Osteuropas Schule machen.

Die Separatisten sehen ihr Referendum als einen Sieg der Sowjetunion. Das mag man belächeln. Dann hat man aber verkannt, welche Kraft und Gefahr von dieser sowjetnostalgischen Bewegung ausgeht, wenn sie weiterhin den Rückhalt des Kreml genießt.