Gewerkschaften

Pragmatiker und Strahlemann

Reiner Hoffmann löst Michael Sommer an der Spitze des DGB ab. Er muss die Gegensätze der Einzelgewerkschaften austarieren

An diesem Montagmorgen wird Reiner Hoffmann zum neuen Gesicht der deutschen Arbeitnehmerbewegung gewählt – kurz davor wirkt er sichtlich entspannt. Als er zwei Abende vor der geplanten Wahl zum neuen Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zu spät das Restaurant betritt, macht er erst einmal einen Witz. „Ich hoffe, Ihr seid schon durch!“ sagt er lachend zu den Journalisten, die alle nur auf ihn warten. Dann setzt er sich hin und bestellt erst einmal ein kleines Pils. Als eine Frage gestellt wird, die er nicht beantworten kann, sagt er gerade heraus: „Bevor ich dummes Zeug erzähle, schweige ich lieber“ – und lacht.

Hoffmann lacht viel, oft grinst er über das ganze Gesicht. Mit seinen vollen blonden Haaren wirkt er sehr jugendlich. Mit Hoffmann komme eine neue Generation an die Spitze des DGB, sagen junge und alte Gewerkschafter. Dabei ist der 58-Jährige nur drei Jahre jünger als Michael Sommer, der das Amt zwölf Jahre lang inne hatte und nun mit 61 Jahren abtritt. Aber er wirkt eben anders. Sommer hat weiße Haare, und er trägt große Sorgenfalten auf der Stirn. Lustig kann er zwar auch sein. Aber Hoffmann strahlt mehr Leichtigkeit aus. Ob sie bleibt, wird sich zeigen.

Wenn Hoffmann, wie vorgesehen, von den Delegierten zu politischen Sprachrohr von mehr als sechs Millionen organisierten Gewerkschaftsmitgliedern gewählt wird, dann übernimmt er von Sommer eine Aufgabe, die nicht einfach ist. Acht Mitglieder hat der DGB-Vorstand, und die sind sehr unterschiedlich. Die Interessen der mächtigen Industriegewerkschaften auf der einen Seite, deren Mitglieder Löhne weit über dem Mindestlohn bezahlt bekommen, und die der Dienstleistungsgewerkschaften wie Ver.di und der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten auf der anderen Seite liegen oft weit auseinander. Hoffmann muss sie auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

16 Jahre in Brüssel

Dazu ist Verhandlungsgeschick nötig. Das wird ihm zugeschrieben. Von Mai 2003 bis Ende 2009 war er stellvertretender Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB) in Brüssel. In diesem internationalen Verband liegen die Interessen noch weiter auseinander als beim DGB. Insgesamt war Hoffmann 16 Jahre in Brüssel, zehn Jahre lang als Direktor des Europäischen Gewerkschaftsinstituts. Die Zeit in der europäischen Hauptstadt hat ihn sehr geprägt, er ist überzeugter Europäer. Wenn man ihn mit europafeindlichen Äußerungen konfrontiert, dann kann er richtig laut werden. Den Spruch „Wer betrügt, der fliegt“, hatte die CSU mit Blick auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit der EU verbreitet. „Das ist unsägliches, populistisches Rumschwadronieren! Übelst!“ erboste sich Hoffmann. Europa möchte er zu einem Schwerpunktthema machen.

Der gebürtige Wuppertaler stammt aus einem klassischen Arbeiterhaushalt. Er wuchs als Sohn eines Maurers und einer Putzfrau auf. Nach der Lehre bei Hoechst und der Zivildienstzeit studierte er auf dem zweiten Bildungsweg Wirtschaftswissenschaften an der Gesamthochschule Wuppertal. Danach ging er zur Hans-Böckler-Stiftung, wo er elf Jahre lang arbeitete, bevor er nach Brüssel zog. Als er 2009 nach Deutschland zurückkehrte, wurde er von der IG Bergbau, Chemie, Energie zum Landesbezirksleiter Nordrhein gewählt. Eingetreten war er in die IG BCE, als er die Handelsschule besuchte. Dort habe er sich als Schülersprecher politisiert, erzählt er. Damals hätten er und seine Schülersprecherkollegen sogar eine Live-Übertragung vom Misstrauensvotum gegen Willy Brandt im Bundestag in der Schulaula organisiert. „Da war klar, man geht in die Gewerkschaft.“

In Berlin hat sich Hoffmann eine Wohnung im bürgerlichen Charlottenburg am Savignyplatz gemietet. Er genießt gutes Essen. Gern isst er in der gehobenen Osteria, die direkt gegenüber liegt, ein Fischcarpaccio und trinkt ein Glas Wein. Danach raucht er eine Zigarette. Um sich fit zu halten, geht er regelmäßig joggen. Im Gewerkschafts-, aber auch im Arbeitgeberlager freut man sich auf den neuen DGB-Chef. Hoffmann wird von einem hochrangigen Gewerkschaftsfunktionär, der ihn schon lange kennt, als „weltoffen“, und gleichzeitig „bodenständig“ beschrieben. „Er weiß, was in den Einzelgewerkschaften los ist.“ Er sei „locker, aber trotzdem nicht oberflächlich.“ Er werde dem DGB als Aushängeschild guttun.

Hoffmann genieße bei allen acht Einzelgewerkschaften hohe Akzeptanz. Auch auf Arbeitgeberseite ist nur Gutes zu hören. Man schätzt Hoffmann als verlässlichen Verhandlungspartner, weil er aus einer der mächtigen Industriegewerkschaften kommt, ohne die im DGB nichts läuft. Wenn er eine Zusage mache, könne man dann davon ausgehen, dass der ganze DGB dahinter stehe. Das sei in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen, heißt es. Michael Sommer stammt aus der Postgewerkschaft, die im Jahr 2001 zusammen mit vier weiteren Gewerkschaften zur „Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft“ (Ver.di) verschmolzen wurde.

Eines seiner Hauptziele: ein „Humanisierungsprogramm für gute Arbeit“ zusammen mit den Arbeitgebern zu entwickeln. Damit Arbeitnehmer bis 67 arbeiten können.