Militär

Nato reaktiviert Pläne aus dem Kalten Krieg

Zehn amerikanische und polnische Soldaten patrouillieren durch den regennassen Wald auf dem Truppenübungsplatz in Drawsko Pomorskie, Nordwestpolen.

Befehle im eindringlichen Flüsterton, zumeist reichen Handzeichen zur Verständigung. Die Fallschirmjäger der 173. US-Luftlandebrigade und ihre polnischen Kameraden der 6. Luftlandebrigade sind gewissermaßen Pioniere. Sie üben als transatlantische Einheit militärische Sonderoperationen. 150 Amerikaner und 175 Polen trainieren in Drawsko die Erstürmung eines Gebäudes. Weitere 500 US-Soldaten üben Ähnliches bei den baltischen Nato-Partnern. Die Elitesoldaten sind geschult, tief in feindlichem Gebiet strategisch wichtige Objekte einzunehmen und zu halten: Befehlsstände, Brücken, Tunnel.

Die Übungen in Drawsko sind die Mikroauswirkungen dessen, was auf der Makroebene im Büro des polnischen Verteidigungsministers Tomasz Siemoniak verhandelt wird. Siemoniak beschreibt die Lage in der Ukraine inzwischen als Bürgerkrieg. „Noch vor Kurzem haben wir uns überlegt, was das Hauptthema des Nato-Gipfels in Wales im September sein würde. Jetzt hat das Leben leider eine Antwort geliefert.“. In den Nato-Führungszirkeln werde eine Verstärkung der militärischen Präsenz der Allianz in Osteuropa diskutiert. „Der Umfang der Wehrübungen ist für uns von geringer Bedeutung. Es geht uns darum, die Präsenz der Verbündeten in Osteuropa sichtbar zu machen.“ Längst ist dieses Denken in den Nato-Stäben angekommen, spätestens nach der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim. Auf die Frage, ob die Nato nicht dauerhaft Truppen in Osteuropa stationieren sollte, sagte der Oberkommandeur des westlichen Verteidigungsbündnisses im kanadischen Ottawa trocken: „Ich denke, das ist etwas, was wir erwägen müssen.“ Der kurze Satz von US-General Philip M. Breedlove ging um die Welt, die Aufregung war groß.

Die Nato will ihren Mitgliedern in Osteuropa und im Baltikum „rückversichern“, wie es im Hausjargon heißt, dass man sie im Ernstfall auch wirklich verteidigen kann. „Bisher hatte man den Ernstfall weitgehend ausgeschlossen, dementsprechend waren auch die Verteidigungspläne“, heißt es in Nato-Kreisen. Gleichzeitig soll die Abschreckung erhöht werden, die Nato will Präsenz vor der russischen Haustür zeigen. Wie sich das Bündnis künftig in Osteuropa genau aufstellen wird, hängt von der Entwicklung der Ukraine-Krise und dem Verhalten Russlands ab. Bisher kommen interne Nato-Analysen zu dem Ergebnis, dass das Bündnisgebiet selbst nicht bedroht ist.

Nach Angaben von Diplomaten zeichnet sich aber ab, dass die Nato neben einer besseren Kontrolle des See- und Luftraums dauerhaft Soldaten in Osteuropa und dem Baltikum stationieren könnte – dabei dürfte es sich um eine symbolische Präsenz und nicht um „substanzielle Kampftruppen“, also mehr als 5000 Soldaten, handeln. Außerdem soll die Einsatzbereitschaft für Einsätze in Osteuropa verbessert werden.