Kommentar

Die unsichtbare Mauer in der Stadt

Diana Zinkler über die neusten Zahlen in Berlin zur Kinderarmut

In Berlin leben 169.016 Kinder von Hartz IV. Das heißt, jedes dritte Kind ist von etwas betroffen, für das es selbst nichts kann. Sie sind zu einem anderen Leben gezwungen als Kinder aus finanziell besser gestellten Familien. Das ist die große Ungerechtigkeit, von der diese Zahl erzählt.

Die Antwort auf die schriftliche Anfrage zur Kinderarmut in Berlin enthält aber nicht nur diese alarmierende Zahl. Sie zeigt auch auf, wo die meisten von ihnen wohnen. Neukölln, Mitte, Marzahn-Hellersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg. Bis auf Marzahn-Hellersdorf alles Bezirke, die in oder nahe am Zentrum der Stadt liegen. Darin liegt wiederum eine Chance: In Berlin sind Arme noch nicht an die Ränder der Stadt gedrängt worden, wie es in anderen Metropolen längst der Fall ist. Kinder aus Hartz-IV-Familien sind vielerorts zumindest nicht räumlich vom Leben der materiell behüteteren Gleichaltrigen getrennt.

Diese Mischung geht auf die einmalige Geschichte Berlins zurück: Berlin war nicht nur eine geteilte Stadt, sondern finanziell gesehen auch ärmer als andere Großstädte. Diese Zeiten will niemand zurück. Es ist gut, dass die Hauptstadt im Aufschwung ist. Aber die Zahlen belegen auch, dass der wirtschaftliche Aufschwung Berlins längst nicht alle erreicht.

Nun droht eine neue Teilung: zwischen den Lebenswelten der heranwachsenden Generation. Sie trennt nicht die Politik, sondern das Einkommen der Eltern. Doch gerade für Kinder ist es wichtig, dass sie täglich positive Beispiele dafür sehen, dass Arbeit und Bildung aus der Armut herausführen. Die Politik aber droht die Chance zu verpassen, eine gesunde Mischung in der Stadt zu erhalten: Denn Kinder müssen am Leben in teureren Gegenden teilhaben, sie müssen im Alltag Freundschaften schließen mit Kindern, denen es besser geht. Es muss dafür gesorgt werden, dass Bildungsangebote Kinder auch erreichen. Und vor allem, dass es bezahlbaren Wohnraum in teurer werdenden Wohngegenden gibt.

Während sich der Senat in seiner Halbzeitbilanz für die Spitzenposition im Wirtschaftswachstum-Ländervergleich feiert, gibt es immer mehr arme Kinder in Berlin. Und das, obwohl der Koalitionsvertrag von 2011 vorsieht, „gezielte Maßnahmen zu ergreifen“, Kinderarmut zu bekämpfen. Vor Kurzem hat der Senat angekündigt, einen „Diskussionsprozess“ zu diesem Thema zu eröffnen. So klingt es, wenn ein Problem auf die lange Bank geschoben wird. Bis dahin schreitet die Trennung der Kinder durch das Einkommen ihrer Eltern weiter voran.