Terror

Nigerias Versagen

Die ganze Welt nimmt Anteil am Schicksal der entführten Mädchen. Die Regierung agiert aber eher hilflos

Längst hat der Fall der über 200 entführten Schulmädchen aus Nigeria globale Anteilnahme ausgelöst. Auch Malala Yousafzai, 16, aus Pakistan meldete sich zu Wort. Die Jugendliche war vor zwei Jahren ebenfalls Opfer einer Terrororganisation geworden, sie überlebte knapp einen Kopfschuss durch die Taliban. Die Öffentlichkeit dürfe nicht schweigen angesichts der Entführung „ihrer Schwestern“ durch die Terrorsekte Boko Haram, sagte sie der BBC, „sonst weitet sich das aus und wird mehr und mehr passieren“. Yousafzai war Ziel des Anschlags geworden, weil sie Bildungschancen für Mädchen gefordert hatte.

Weitere elf Schülerinnen vermisst

Seit einem Jahr setzt die Sekte systematisch auf die Verschleppung junger Frauen, seit Sonntag werden elf weitere Mädchen aus zwei Dörfern vermisst. Schulen gehören als öffentliche Gebäude zu den Anschlagszielen der Organisation, sie sind zudem nur schwach bewacht. Das Vertrauen in die Fähigkeit des Staates, für die Sicherheit seiner Bürger sorgen zu können, lässt sich hier besonders leicht erschüttern. Immer mehr Eltern haben Angst, ihre Töchter in die Schule zu schicken, viele Bildungseinrichtungen wurden geschlossen – was ganz im Sinne von Boko Haram ist. Der Name bedeutet übersetzt so viel wie „westliche Bildung ist Sünde“, die Organisation kämpft für die Einführung einer bizarren Auslegung der islamischen Scharia-Gesetzgebung in Afrikas größter Volkswirtschaft.

Ihr Anführer Abubakar Shekau drohte Anfang Mai in einem 57 Minuten langen Video, die vermutlich in einem Waldgebiet versteckten Entführungsopfer zu verkaufen, „wenn Allah das so will“. Mehr als 270 Mädchen im Alter von 16 bis 18 Jahren waren am 14. April in der Stadt Chibok entführt worden, nur einigen Dutzend gelang die Flucht. Sie hätten „gar nicht zur Schule gehen, sondern heiraten sollen“, sagte Shekau, der in dem von der Nachrichtenagentur AFP veröffentlichten Video mit einem Maschinengewehr posiert. Seit Shekau 2010 die Führung übernommen hat, wurden die Angriffe der Radikalislamisten deutlich brutaler. Tausende Gegner der Einführung der Scharia starben, Shekau knüpfte Verbindungen zu internationalen Terrororganisationen wie al-Qaida. Auch intern regiert er gewaltsam, ließ mehrere Widersacher töten.

Shekaus Name steht auf der Terrorliste der USA. Der Mann, den die Behörden schon mehrfach für tot erklärt hatten, ist ein wortgewandter Imam, er gibt neben der Strategie auch die Ideologie von Boko Haram vor. Die hat mit Religion allerdings wenig zu tun: „Der Islam erlaubt, ungläubige Frauen als Sklaven zu nehmen“, hatte er schon im März behauptet, „in absehbarer Zeit werden wir darum beginnen, Frauen zu entführen.“ So kam es.

Experten vermuten, dass es sich jedoch auch zumindest teilweise um eine Reaktion auf fragwürdige Ermittlungstaktiken der Polizei handelt. Seit dem Jahr 2011 wurden mehr als 100 Verwandte von Boko-Haram-Terroristen verhaftet, ohne dass es Hinweise auf eine Beteiligung an Verbrechen gab. Dazu zählten auch Angehörige von Shekau.

Denn der Kampf gegen Boko Haram ist erschreckend unkoordiniert, rivalisierende Sicherheitsbehörden behindern sich gegenseitig. Armee, Justiz und Polizei werden zudem massive Menschenrechtsverletzungen wie etwa Vergewaltigungen und Gefängnisstrafen ohne Prozess vorgeworfen. Das mindert das Vertrauen in die Regierung von Präsident Goodluck Jonathan, einem Christen, weiter – auch das ist im Sinne von Boko Haram. In ihrer Verzweiflung suchten Verwandte der entführten Mädchen spärlich bewaffnet sogar selbst im nur schwer zugänglichen Sambisa-Wald, einem der wichtigsten Boko-Haram-Verstecke. Geheimdienstexperten gehen davon aus, dass die Entführer regelmäßig das Versteck der Mädchen wechseln.

Belohnung versprochen

Auf Twitter wurden in den vergangenen Tagen Tausende Tweets mit dem Hashtag #BringBackOurGirls (Bringt unsere Mädchen zurück) gepostet, unter anderem von der amerikanischen First Lady, Michelle Obama. Ihr Mann, US-Präsident Barack Obama, bezeichnete die Entführung als „herzzerreißend“ und „empörend“. Die Gruppe habe „über viele Jahre hinweg Menschen rücksichtslos getötet“.

Angesichts des enormen Drucks hat die nigerianische Regierung inzwischen eine Belohnung in Höhe von 300.000 US-Dollar für Hinweise auf die verschleppten Mädchen versprochen, die zur Rettung der Jugendlichen führen. Die USA, England, Frankreich und China haben Expertenteams nach Nigeria entsendet. Doch von einer wirklichen Spur ist bislang nichts bekannt, allerdings gibt es Gerüchte, dass einige Mädchen tatsächlich als Sex- und Haushaltssklaven in Nachbarländer verkauft wurden. In diesen Tagen offenbart sich die Machtlosigkeit des Staates auf eklatante Weise.