Gewalt

Kampf um die Ukraine

Dutzende Tote bei Feuer. Schlacht zwischen Regierungssoldaten und Separatisten um Slawjansk

Der Konflikt in der Ukraine spitzt sich immer weiter zu. In dem bisher vergleichsweise ruhigen Odessa am Schwarzen Meer starben am Freitag nach Polizeiangaben mindestens 31 Menschen, als ein Gewerkschaftsgebäude in Flammen aufging. Zunächst war sogar von 38 Toten die Rede gewesen. Schon zuvor waren in der Stadt vier Menschen bei Kämpfen zwischen prorussischen Aktivisten und Anhängern der Regierung getötet worden. Ukrainische Sicherheitskräfte hatten am Morgen im Osten des Landes eine Offensive begonnen und sich heftige Gefechte mit Separatisten geliefert. Nach Angaben der Regierung schossen Aufständische zwei Hubschrauber ab, zwei Soldaten starben. Auch unter den Rebellen gab es Tote.

Gewerkschaftshaus in Flammen

In Odessa starben der Polizei zufolge einige Menschen, als sie aus dem brennenden Gebäude sprangen. Andere erlagen Rauchvergiftungen. Nach den Ausschreitungen im Verlauf des Tages hatte die Polizei am Abend gemeldet, ein Gewerkschaftshaus sei in Brand gesteckt worden. Über die Täter wurde zunächst nichts bekannt. Das überwiegend von russisch sprechenden Menschen bewohnte Odessa liegt unweit der Krim-Halbinsel, deren umstrittener Anschluss an Russland im März die Ukraine-Krise weiter eskalieren ließ.

Ukrainische Soldaten rückten am Freitag in Vororte der ostukrainischen Stadt Slawjansk vor. Die Vormachtstellung der Rebellen dort konnten sie aber zunächst nicht brechen. Die Separatisten warfen den Soldaten vor, bei dem Vormarsch drei Rebellen und zwei Zivilisten getötet zu haben. In der 130.000 Einwohner zählenden Stadt werden auch die OSZE-Beobachter festgehalten. Ein Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin erklärte, die ukrainischen Sicherheitskräfte hätten aus der Luft auf Zivilisten gefeuert und mit ihrer „Strafaktion“ den internationalen Friedensplan für die Ukraine torpediert.

Nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstes SBU wurde ein Kampfhubschrauber mit einer tragbaren Boden-Luft-Rakete abgeschossen. Dies belege, dass „trainierte, gut ausgebildete ausländische Spezialisten“ aufseiten den Separatisten kämpften. Russland hat bislang jede direkte Beteiligung an den Aufständen abgestritten. In den vergangenen Wochen hatten prorussische Kräfte Verwaltungsgebäude im Osten der Ukraine unter ihre Kontrolle gebracht. Die Moskauer Regierung hat erklärt, die russisch-stämmige Bevölkerung schützen zu wollen, und hat an den Landesgrenzen Truppen zusammengezogen.

Trotz Warnungen aus Russland sind ukrainische Regierungstruppen am Abend mit schweren Waffen ins Zentrum von Slawjansk vorgerückt. Die russische Staatsagentur Itar-Tass meldete, das Hauptquartier der prorussischen Aktivisten, die die Stadt seit Wochen kontrollieren, liege unter Beschuss. Die Agentur Interfax zitierte Separatisten, wonach elf gepanzerte Fahrzeuge sowie mehrere Busse mit Infanterie ins Zentrum eingedrungen seien.

In der Stadt hält die selbst ernannte „Volksmiliz“ seit einer Woche rund 40 Geiseln fest, darunter mehrere Militärbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Unter den Beobachtern sind drei Bundeswehrsoldaten und ein deutscher Dolmetscher. Die Geiseln seien an einen „sicheren Ort außerhalb der Kampfzone gebracht“ worden, sagte Milizenführer Ponomarjow der „Bild“-Zeitung.

Politiker in Kiew hatten in den vergangen Tagen das Krisenmanagement von Übergangspräsident Alexander Turtschinow kritisiert: Der „Anti-Terror-Einsatz“ der Sicherheitskräfte sei bisher erfolglos geblieben. Bei einem Treffen mit Regionalgouverneuren Mitte der Woche gestand Turtschinow ein, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben.

Mit der Offensive will die ukrainische Regierung verlorenen Boden zurückgewinnen. „Endlich spricht der Staat mit einer starken Sprache zu den Terroristen“, sagt Präsidentenkandidat Petro Poroschenko am Freitag in Kanal 5, dessen Eigentümer er auch ist. Ukrainische Politiker befürchten, dass die Lage in der Ostukraine in den kommenden Tagen weiter eskaliert.