Bundespräsident

Ein Lied für Gauck

Beim Besuch eines Lagers für syrische Flüchtlinge in der Türkei macht der Bundespräsident den Kindern Hoffnung

An diesem Tag gibt es Glitzer für die kleinen Mädchen in Kahramanmaras. Elfenflügel mit funkelnden Sternchen wippen auf ihren schmalen Schultern, die Augen leuchten. Mit staubigen Sandalen treten die syrischen Kinder vor den Gast aus Deutschland. „Spielst du mit mir?“, so heißt das Lied, das sie Joachim Gauck auf Türkisch vorsingen. Die Mädchen sind mit den 16.000 Syrern hierher gekommen, die Zuflucht gefunden haben im Zeltlager von Kahramanmaras, damit ist die Obergrenze an diesem Flecken in Südostanatolien erreicht. Das Flüchtlingscamp gehört nicht zu den üblichen Vorzeigeprojekten mit Wohncontainern, die den Politikern aus dem Ausland für gewöhnlich präsentiert werden.

Gauck ist der erste ausländische Spitzenvertreter, der durch die Zeltreihen von Kahramanmaras geführt wird und mit den Bewohnern sprechen kann. Dann tritt die zwölfjährige Fatima nach vorn: „Bist du das erste Mal in der Türkei“, fragt die Syrerin auf Arabisch. „Ich war noch nie in der Türkei“, antwortet Gauck, „und dies ist der allererste Ort, den ich in diesem Land besuche.“ Fünf Flüchtlinge teilen sich den 16 Quadratmeter messenden Innenraum der Zelte. Eine Toilette in den Gemeinschaftsanlagen muss für 30 Personen reichen.

Diejenigen, die es auf ihrer Flucht aus dem Bürgerkriegsland Syrien hierher ins Lager geschafft haben, sind dankbar. Denn draußen vor den Lagermauern, in den Gassen und Ecken der 400.000-Einwohner-Stadt Kahramanmaras, ringen rund 24.000 Flüchtlinge um ihre Existenz. Landesweit sind es etwa 800.000, die außerhalb der Lager leben, etwa die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre. Der kleinen Fatima erklärt Gauck noch, dass er in ihrem Alter, mit zwölf Jahren als Junge in der DDR sich nicht habe vorstellen können, jemals in einem freien Land leben zu können. „Und doch ist es passiert, und dasselbe erhoffe ich mir für euch.“ Für Gauck ist Kahramanmaras einer der Orte, die er sich wünscht, trotz all der dramatischen Flüchtlingsschicksale. Es ist nämlich ein Ort, in dem die Verantwortung gelebt wird, die der Bundespräsident immer wieder – vor allem von den Deutschen einfordert.

Die Türkei versorgt mit finanzieller Unterstützung der Vereinten Nationen und zahlreicher Hilfsorganisationen etwa 200.000 syrische Flüchtlinge in den 21 Lagern, zu denen auch Kahramanmaras zählt. Deutschland leistet ebenfalls Finanzhilfe in Millionenhöhe. Doch was die Aufnahme syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge angeht, sollte sich Deutschland ein Beispiel an der Türkei nehmen, findet Gauck. Er sei beeindruckt von dem Großmut und den enormen Anstrengungen, sagt der Bundespräsident. „Wir sollten uns fragen, ob wir in unserem reichen Land schon all das tun, was uns möglich wäre, um die Not zu wenden“, sagt Gauck. „Wir sind nicht imstande, dem Morden innerhalb Syriens Einhalt zu gebieten, aber vielleicht sollten wir uns intensiver fragen als bisher, ob unsere Möglichkeiten erschöpft sind, diesen armen Menschen zu helfen.“

Tatsächlich ist die deutsche Bilanz dürftig. Von den Millionen Syrern, die sich in den drei Bürgerkriegsjahren auf den Weg gemacht haben, sind bisher rund 5000 in Deutschland aufgenommen worden. Zugesagt hatten die Innenminister von Bund und Ländern die doppelte Zahl an Plätzen. Aber die bürokratischen Hemmnisse scheinen enorm. Gauck ist unzufrieden. „Wir können mehr tun“, sagt er. „Ich werde bei denen, die in Deutschland regieren, davon erzählen, was ich hier gesehen habe.“

Nach dem Besuch im Flüchtlingslager fährt Gauck die Hügel hinauf zum Einsatzort der Bundeswehr, die die Türkei vor Raketenangriffen aus Syrien schützen soll. Die Bundeswehr verkörpert hier das gute Deutschland, das Gauck sich wünscht – engagiert, verantwortungsbewusst, durchaus mit militärischer Stärke ausgestattet und mutig, stets in bester Absicht. „Ich bin froh, dass sie unseren türkischen Verbündeten zeigen, dass Solidarität nicht nur auf dem Papier steht.“