Kommentar

Ende einer Heldenrolle

Torsten Krauel über Edward Snowden und seine Fragen an den russischen Präsidenten

Edward Snowden ist in seinen Augen ein furchtloser Mann mit Prinzipien. Aber manchmal ist Angst der bessere Ratgeber – die Angst, als Helfer eines Mannes zu gelten, der das Völkerrecht bricht. Snowden bekam im Fernsehen die Chance, Putin zu befragen. Er fragte aber nicht: „Würden Sie jemanden mit Strafe bedrohen, der kriminelles Verhalten Ihrer Regierung öffentlich macht, so wie Barack Obama mich vor Gericht bringen will, weil ich die Überwachung unschuldiger Bürger durch US-Geheimdienste enthüllt habe?“ Das hätte für Snowden Sinn gemacht, und auch für die Familien des jahrelang inhaftierten Unternehmers Michail Chodorkowski oder der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja.

Snowden fragte etwas anderes. Er sagte, es gebe keine öffentliche Debatte in Russland über Massenüberwachung (Warum wohl?). Deshalb wolle er wissen, ob Russland die Daten von Bürgern massenhaft abgreife, speichere und analysiere, und ob Russland auch glaube, Geheimdienste seien effizienter, wenn sie gleich eine ganze Gesellschaft statt nur einzelne Personen überwachten. Die Frage ging an den früheren KGB-Offizier Putin, aus dessen Land Mitschnitte von Telefonaten westlicher Diplomaten ins Internet gelangen. Snowdens Frage war also so sinnlos wie die Frage an Chinas Präsident, ob Tibet unterdrückt wird.

Putin war natürlich glücklich: Nein, mein Freund, Russland überwacht seine Bürger nicht. Und wo wirklich jemand überwacht werde, passiere das unter der Kontrolle des Staates und der Gesellschaft und der Gerichte. Eine solche Antwort aus dem Munde Barack Obamas hätte die NSA-Kritiker in schallendes Gelächter ausbrechen lassen.

Es war einmal eine Lichtgestalt. Wenn Snowden sich als einen Enthüller von historischer Bedeutung sieht, dann ist diese Rolle nun beendet. Er hat Putin eine enthüllende Handreichung gegeben, indem er eine windelweiche Frage stellte. Denn einen Snowden, der nun sagte, „Putin lügt“ – den wird es nicht geben. Der Letzte, der es versuchte, der frühere KGB-Agent Alexander Litwinenko, wurde 2006 mit radioaktivem Tee ermordet.

Putin hat damit nichts zu tun. Das waren der Staat, die Gesellschaft und irgendwelche Richter. Weshalb die Frage, ob Putin Whistleblower schützen würde, beantwortet ist. Natürlich tut er das. Snowden lebt ja noch.