Bildung

Studium für alle – damit weniger studieren

Wissenschaftsrat und Bildungsministerin wollen den Wert der beruflichen Bildung steigern

Diesmal soll die Pointe vorweggenommen werden. Weil sie so absurd klingt: Der Wissenschaftsrat, das Beratergremium der Bundesregierung für die Welt von Forschung und Hochschulen, möchte noch mehr Menschen als bisher die Tür zu einem Studium aufstoßen. Studium für alle. Das Ziel dieser Maßnahme ist jedoch gerade nicht, noch mehr Studenten zu produzieren, sondern – weniger. Alles klar?

In der Diktion des Rats klingt das so: „Um möglichst alle gesellschaftlichen Talentpotenziale zu erschließen, spricht sich der Wissenschaftsrat dafür aus, die Durchlässigkeit zwischen Berufs- und Hochschulbildung in beide Richtungen zu erhöhen.“ Er schlägt vor, bei der Hochschulzulassung beruflich Qualifizierter ohne Abitur auf die Fachbindung und den Nachweis von Berufserfahrung zu verzichten. Steht eine Massenbewegung Richtung Hochschulen bevor?

Wohl kaum. Schon seit einigen Jahren können Berufsabsolventen bestimmte Studiengänge wählen – ohne Abitur. Ihr Anteil an den Erstsemestern ist jedoch nach wie vor niedrig. Er beträgt derzeit um die 2,5 Prozent. „Wir erwarten auch nach der Änderung der Regeln nicht, dass die Quote signifikant steigt, aber man braucht Visionsmöglichkeiten“, sagt Wolfgang Marquardt, der scheidende Vorsitzende des Wissenschaftsrates. Er wird am 1. Juli durch den Bildungsforscher Manfred Prenzel abgelöst. Prenzel hat sich einen Namen als Projektmanager für die Pisa-Studien gemacht.

Dem Rat geht es also vor allem um eine Botschaft: Jeder kann studieren, wann immer er will und was immer er will. Dadurch soll der Druck auf die jungen Menschen abnehmen, unmittelbar nach dem Abitur gleich ein Studium aufnehmen zu müssen. „Wir müssen wegkommen von den vielen Fehlentscheidungen zugunsten eines Studiums“, sagt Marquardt.

Die hohen Abbrecherquoten sind sowohl für die Wissenschaft als auch die Politik ein Ärgernis. In manchen Fächern bricht ein Drittel im ersten Jahr ab. „Vermieden werden muss, dass sich die Berufs- beziehungsweise Studienwahl auf Vorurteile oder vordergründige Image- und Prestigegesichtspunkte stützt“, so Marquardt. Indem der Wissenschaftsrat dem Studium einmal mehr ein Stück seiner „Exklusivität“ nimmt, will er erreichen, dass sich die jungen Leute besser überlegen, was sie wollen.

Schließlich soll dadurch die berufliche Bildung wieder aufgewertet werden. Darum geht es auch der Politik. Nicht von ungefähr bewertet Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die Vorschläge positiv: „Es geht darum, die duale Ausbildung dadurch attraktiver zu machen, dass der Wechsel vom Beruf an die Hochschule einfacher wird.“ Die große Koalition hat sich die Aufwertung der beruflichen Bildung vorgenommen. In Anbetracht des prognostizierten und schon realen Fachkräftemangels, der vor allem ein Facharbeitermangel ist, ein nahe liegendes Ziel.