Kommentar

Athen braucht den Schuldenschnitt

Olaf Gersemann über den Umgang der Europäischen Union mit den Problemen in Griechenland

Bestimmt haben Sie sich schon einmal geärgert über die hohen Dispozinsen Ihrer Bank: Acht, neun, zehn Prozent verlangt die, wenn Ihr Girokonto auch nur kurzzeitig ins Minus rutscht. Griechenland dagegen, jenes Euro-Land, das seine Schulden nur noch dank der Nothilfe deutscher und anderer Länder Steuerzahler bedienen kann, Griechenland also verlangen dieselben Banken (nebst Hedgefonds und einigen anderen Investoren) kaum mehr als die Hälfte davon ab: In der vergangenen Woche konnte die Athener Regierung erstmals seit 2010 wieder eine mehrjährige Anleihe am Kapitalmarkt platzieren. Drei Milliarden Euro flossen so in Griechenlands Staatskassen, zu einem Zinssatz von 4,95 Prozent. Bei fünf Jahren Laufzeit wird die Regierung in Athen eine dreiviertel Milliarde Euro Zinsen dafür zahlen müssen. Geld, das sie nicht hat. Geld, für das letztlich die Steuerzahler in den Geberländern gerade stehen.

Griechenland ist es gelungen, an Geld zu kommen, ohne dafür abermals lästige Reformauflagen der Troika erfüllen zu müssen – und die Bundesregierung lässt es geschehen. Man mag den europäischen Regierungen zugutehalten, nur das Beste zu wollen: nämlich zu verhindern, dass politische Kräfte erstarken, die der Gemeinschaftswährung und womöglich sogar der europäischen Integration insgesamt feindlich gegenüber stehen. Die Wahrheit ist aber: Wer, wie Griechenland, 320 Milliarden Euro Staatsschulden hat bei einer jährlichen Wirtschaftsleistung von aktuell nur rund 180 Milliarden Euro, ist schlichtweg überschuldet. Der griechische Staat wird seine Verbindlichkeiten aus eigener Kraft niemals auf ein nachhaltiges Maß zurückführen können. Irgendwann wird es den großen Schuldenschnitt geben müssen, einen in dreistelliger Milliardenhöhe. Es wird ihn geben müssen, ob Griechenland nun Mitglied der Währungsunion bleibt oder nicht.

Und warum auch nicht? Die Griechen würden endlich aus der unwürdigen Situation befreit, zwar wählen, aber nichts wirklich selbst entscheiden zu dürfen. Und ihnen würde die Möglichkeit genommen, Schuldige für die eigene wirtschaftliche Malaise im Ausland zu suchen. Griechenland könnte dafür aber selbst entscheiden, was es sein will: Ein Land, das nicht davon lassen kann, über seine Verhältnisse zu leben – und das dann folgerichtig doch irgendwann ausscheidet aus der Euro-Zone. Oder ein Land, das solide haushalten und wirtschaftlich aufschließen will zu den europäischen Partnern.