Prozess

Pistorius spricht vor Gericht über den Tod von Reeva Steenkamp

Für den knapp 30 Meter langen Weg von der Anklagebank in den Zeugenstand benötigte Oscar Pistorius am Montag beinahe eine halbe Minute.

Langsam schritt er an der Familie des von ihm erschossenen Models Reeva Steenkamp vorbei. Als er dann den Zeugenstand erreichte, drehte sich Pistorius der Familie von Steenkamp zu. Seine Stimme stockte, als er June Steenkamp, die Mutter der Getöteten, anblickte. „Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um mich bei Ihnen für den Schmerz und die Leere zu entschuldigen, die ich über Sie gebracht habe“, sagte er leise, „ich denke an Sie jeden Morgen wenn ich aufwache“. Er habe versucht, Reeva Steenkamp vor Einbrechern zu schützen, die er in seinem Haus vermutet hatte.

Mit großer Spannung war Pistorius’ Aussage am 17. Verhandlungstag des Mordprozesses erwartet worden, mit 150 Journalisten und Zuschauern war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie alle wollten den Auftakt der voraussichtlich mehrere Tage dauernden Aussage des Angeklagten, zu der er rechtlich nicht verpflichtet ist, verfolgen.

Pistorius war der zweite Zeuge der Verteidigung. Am Vormittag hatte der Pathologe Jan Botha ausgesagt. Dieser widersprach der Darstellung eines Experten des Staates, der anhand ihres Mageninhalts davon ausgeht, dass Steenkamp „ein bis zwei Stunden“ vor ihrem Tod gegessen hatte – und damit den Angeklagten der Lüge bezichtigte. Relevanter aber war die Frage, in welcher Reihenfolge die vier Schüsse von Pistorius Steenkamp getroffen hatten und ob ihr Zeit blieb, sich zu erkennen zu geben. Und auch Botha geht wie die Staatsanwaltschaft aus, dass erst der letzte Schuss tödlich war.

Unstrittig ist die äußerst labile psychische Verfassung von Pistorius. Er verfolgte weite Teile von Bothas Ausführungen weinend, begrub die Hände in seinem Gesicht, um Aufnahmen der Schussverletzungen nicht zu sehen, die auf den neun Flachbildschirmen teilweise in Nahaufnahme gezeigt wurden. Immer wieder hielt er sich mit den Daumen die Ohren zu. Ein Anwalt stellte wie schon an vorangegangenen Verhandlungstagen einen Eimer neben ihm, für den Fall, dass er sich würde erbrechen müssen. Er nehme seit dem Tod von Steenkamp Antidepressiva und habe massive Schlafstörungen, sagte Pistorius. „Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und habe den Geruch von Blut in der Nase.“

Detailliert schilderte Pistorius, wie er im Laufe seines Lebens immer wieder Opfer von Verbrechen in Südafrika wurde. Während seiner Kindheit habe es mehrere Einbrüche im Haus seiner Mutter gegeben. Auch in seinem eigenen Haus sei zudem eingebrochen worden, während er bei einem Wettkampf in Manchester gewesen sei.

Auf der Suche nach der Wahrheit wird Pistorius wohl noch viele Tage in den Zeugenstand müssen. Staatsanwalt Gerrie Nel hat in südafrikanischen Justizkreisen den Spitznamen „die Bulldogge“.