Kommentar

Deutsche bleiben Teil des Westens

Claus Christian Malzahn über die Skepsis der Bundesbürger gegenüber der Nato

Wenn es ein Bild gibt, auf dem ein Künstler die deutsche Seele eingefangen hat, dann ist es wohl Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“. Das berühmte Ölgemälde entstand im Jahre 1818 und zeigt eine bürgerlich gekleidete Figur in einer imaginären Landschaft des Elbsandsteingebirges.

Wollte ein Historiker in Harvard, Yale oder Oxford erklären, was mit den Deutschen im Moment nicht stimmt, dann braucht er bloß Friedrichs Nebelwanderer zu zeigen. Denn die Deutschen sind, um im Bild zu bleiben, offenbar schon wieder im Elbsandsteingebirge unterwegs. Eine in dieser Woche veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap hat ergeben, dass sich fast die Hälfte der Bundesrepublikaner eine „mittlere Position zwischen dem Westen und Russland“ wünschen. Die Nato wird gleichzeitig immer unbeliebter. Eine Mehrheit von 53 Prozent spricht sich dagegen aus, dass die Nato zum Schutz vor möglichen Übergriffen aus Russland den Luftraum der osteuropäischen Partnerländer überwacht und sichert.

Die Ergebnisse der Umfrage lassen daran zweifeln, ob die Deutschen eigentlich ihre jüngere Geschichte begriffen haben. Die Wiedervereinigung beispielsweise war nicht etwa die Folge von Friedensdemonstrationen gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen, auch wenn sich das manche, die damals im Bonner Hofgarten dabei waren, so einbilden. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die Verhandlungsbereitschaft der Russen kam letztlich dadurch zustande, dass sie sich ein Wettrüsten mit dem Westen nicht mehr leisten konnten und wollten. Heute muss man leider konstatieren, dass sich die Hälfte der Deutschen dem „Westen“ gar nicht mehr zugehörig fühlt.

Aus den Ergebnissen der Umfrage spricht der Wunsch nach Besitzstandswahrung. Offenbar glauben viele deutsche Michel daran, dass die Bundesrepublik dauerhaft als 80 Millionen Einwohner große Schweiz existieren könnte. Ohne internationale Verpflichtungen, ohne Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr oder lästige Nato-Aufgaben.

Niemand weiß genau, wie sich der Konflikt um die Krim und die Ukraine weiterentwickelt. Es gibt keine einfachen Lösungen, und die Lage ist nicht schwarz und weiß. Abseits aber können die Deutschen nicht stehen. Wir sind und bleiben Teil des Westens, bei aller Selbstkritik. Wer diese Position verlassen will, riskiert in der Tat den Abgrund.