Interview

„Ein krasses Fehlurteil“

Entwicklungsminister Gerd Müller über die Fußball-WM in Katar und Billigmode

Entwicklungsminister Gerd Müller empört sich über die Entscheidung der Fifa, die WM nach Katar zu geben und knöpft sich die deutsche Modebranche vor, von der er fordert, dass sie soziale und ökologische Mindeststandards bei der Produktion auch in Ländern wie Bangladesch einhält. Claudia Ehrenstein und Karsten Kammholz sprachen mit dem streitbaren CSU-Politiker.

Berliner Morgenpost:

Wie oft werden Sie noch mit dem Fußballer Gerd Müller verwechselt?

Der Bomber der Nation ist einmalig. Da gibt es keine Verwechslungen.

Nach Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, Sie würden mit Ihrem Namensvetter Entwicklungsprojekte machen wollen. Kommt es zur Kooperation?

Ich möchte niemanden vereinnahmen. Aber der Sport spielt in der Entwicklung eine große Rolle, weil er die Herzen der Menschen öffnet. Ich habe das Projekt „1000 Fußballplätze für Afrika“ gestartet. Die Planungen laufen, zum Beispiel in Mali. Wir fördern aber auch Frauen-Fußball in Afghanistan oder Projekte in den Armenvierteln Brasiliens.

Wie politisch ist der Sport?

Sport hat immer eine politische Dimension. Ich halte es für eine Fehlentscheidung, die Fußballweltmeisterschaft in Katar auszutragen. Es gibt Menschenrechtsverletzungen bis zur Sklavenarbeit beim Bau der Stadien. Was ist das für ein Signal zum weltweiten Klimaschutz, wenn Stadien mitten in die Wüste gebaut werden, die dann mit hohem Energieaufwand klimatisiert werden müssen?

Ist die WM in Katar zu rechtfertigen?

Ich halte die Entscheidung für Katar für ein krasses Fehlurteil. Wenn die Fifa klug ist, revidiert sie die Entscheidung. Es ist nicht mehr zeitgemäß, eine Fußball-WM abgehoben von den Menschen zu machen und soziale und ökologische Standards zu ignorieren. Das gilt auch für Brasilien. Dort wurde in Manaus ein Stadion mitten in den tropischen Regenwald gebaut, ohne die Nachnutzung zu klären. Das ist unverantwortlich.

Was muss geschehen?

In allen Lebensbereichen, ob es um Sportevents, Firmen oder den Alltag geht, muss Nachhaltigkeit, also ein schonender Umgang mit unseren Ressourcen, das Leitbild sein. Da waren wir vor 20 Jahren schon einmal weiter. Aber ich habe den Eindruck, dass wir an einer Bewusstseinswende stehen. 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen weltweit 80 Prozent der Ressourcen. Das kann so nicht weitergehen.

Was kann ein deutscher Entwicklungsminister überhaupt verändern?

Die Textilbranche ist so ein Beispiel. Wenn die großen Mode-Labels jedes Jahr acht bis zehn Kollektionen herausbringen und die Kleidung dabei so billig ist, dass eine Jeans nur 9,90 Euro kostet und nach ein paar Mal Tragen weggeworfen wird, dann muss uns das zu denken geben. Die Jeans ist so billig, weil die Näherin in Bangladesch nur fünf Cent in der Stunde bekommt, 14 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Und wenn sie schwanger wird, verliert sie ihren Job.

Vor einem Jahr sind in Bangladesch mehr als 1000 Näherinnen bei einem Brand ums Leben gekommen. Hat sich seither etwas geändert?

Viel zu wenig. In den angekündigten Fonds zur Unterstützung der betroffenen Familien haben die Unternehmen bislang nur 25 Prozent der versprochenen Gelder eingezahlt. Das genügt nicht. Ich werde in den kommenden Wochen einen runden Tisch der deutschen Textilwirtschaft einberufen. Wir brauchen eine Selbstverpflichtung, die sozialen und ökologischen Mindeststandards von der Produktion bis zum Verkauf einzuhalten.