Afghanistan

„Wir lieben die Demokratie“

Trotz der Gefahr ist Wählen für viele Afghanen eine Frage der Ehre, wie sich am Sonnabend zeigte

Am Ende siegten der Stolz und die Freude über die Angst. Wochenlang hatten die radikalislamischen Taliban die Vorbereitungen für die Präsidentschaftswahl in Afghanistan gestört und auch für den Wahltag Schlimmes angedroht. Tatsächlich gab es erneut einen Bombenanschlag sowie Angriffe mit Raketen und Schusswaffen auf Wahllokale. Und doch ließen sich die Wähler nicht abhalten. In langen Schlangen warteten sie auf die Stimmabgabe, getrennt voneinander Männer in langen Tuniken und Pluderhosen und Frauen in ihren Burkas.

Hoffnung auf Sicherheit

„Ich habe so viel unter den Kämpfen gelitten, und ich will Wohlstand und Sicherheit in Afghanistan. Deshalb bin ich hierhergekommen, um meine Stimme abzugeben“, sagte die 40-jährige Nasia Asisi, die sich als erste vor einer Schule im Osten der Hauptstadt Kabul angestellt hatte. „Ich hoffe, dass die Stimmen, die wir abgeben, tatsächlich gezählt werden, und dass es bei dieser Wahl keinen Betrug gibt.“

Der Hinweis kommt nicht von ungefähr. Am korrekten Ablauf der Wahl 2009 gab es erhebliche Zweifel, bevor schließlich noch einmal Präsident Hamid Karsai zum Sieger erklärt wurde. Karsai konnte nun nach der Verfassung nicht noch einmal antreten, und er hielt sich daran und ließ die erste demokratische Wahl eines Nachfolgers in der Geschichte des Landes zu. Die Organisatoren versuchen zudem, diesmal Betrug mit Strichcodes auf den Urnen und einer raschen Auszählung der Stimmen zu unterbinden.

Ganz reibungslos lief der Urnengang dann aber doch nicht ab. An einigen Orten gingen die Stimmzettel aus, wie die unabhängige Wahlkommission mitteilte. „Wir haben Beschwerden darüber erhalten und bereits Papiere dorthin entsandt, wo sie gebraucht werden“, sagte Kommissionschef Jusuf Nuristani. Zudem blieben Wahllokale länger geöffnet als gedacht, damit alle Interessierten noch zum Zuge kommen. Nach der Wahl beklagten zwei der favorisierten Kandidaten, der Ex-Finanzminister Ashraf Ghani und der Oppositionsführer Abdullah Abdullah, Unregelmäßigkeiten und Betrugsversuche. Ghani sagte am Abend, Beobachter seiner Partei könnten „klare Betrügereien“ in einigen Wahllokalen bezeugen. Ein verfälschtes Wahlergebnis sei unakzeptabel. Auch Oppositionsführer Abdullah sagte, Anhänger seiner Partei hätten mehrere Beschwerden eingereicht. So seien in einigen Regionen Beobachter seiner Partei von Regierungskräften behindert worden.

Noch mehr als das weit verbreitete Gekungel und Gemauschel treibt die Menschen jedoch die ständige Terrorgefahr um. „Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, die Unsicherheit wird jeden Tag schlimmer“, klagte der 57-jährige Ladenbesitzer Mohammed Alim Asisi in Kabul. Dass Afghanistan davon tatsächlich weit entfernt ist, wurde auch am Wahltag allzu deutlich. 959 Wahllokale konnten wegen Sicherheitsbedenken nicht genutzt werden – entweder sie wurden erst gar nicht geöffnet, oder sie mussten wegen Raketenangriffen oder Feuergefechten wieder dichtmachen.

Rache für Nato-Luftangriffe

Erst am Vortag war die deutsche Fotoreporterin Anja Niedringhaus im Osten des Landes ermordet worden. Die preisgekrönte Mitarbeiterin der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) war von einem islamistisch gesinnten Polizisten erschossen worden. Der Schütze nannte der Polizei zufolge als Motiv für seine Tat Rache für Nato-Luftangriffe auf sein Dorf in Afghanistan.

Nur das massive Aufgebot von rund 200.000 Soldaten und Polizisten im ganzen Land verhinderte, dass im Lauf des Tages noch mehr passierte. Die Taliban, die in den vergangenen Wochen mehrere Terrorakte gegen westliche Ausländer und gegen die Wahlkommission auch in der Hauptstadt Kabul verübten, hatten die Wähler gewarnt: Die sollten sich von den Urnen fernhalten, denn weitere Anschläge seien geplant. Das zeigt auch, dass die Taliban bei der Wahl einiges zu verlieren haben. Wird sie mit hoher Beteiligung zum Erfolg, könnte dies die Attraktivität der radikalen Islamisten deutlich schwächen.

Die Angst begleitete viele an diesem Tag, doch ließen sich die meisten dann doch nicht abhalten. „Ich bin mit dem festen Entschluss eingeschlafen, früh morgens aufzuwachen und mitzubestimmen, wer als nächster die Nation regiert“, sagte der 29-jährige Mechaniker Said Mohammed in der südafghanischen Stadt Kandahar. „Ich will der Welt zeigen, dass wir die Demokratie lieben.“

Acht Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge Karsais. Als Favoriten gelten die früheren Außenminister Abdullah Abdullah und Salmai Rassul sowie Ex-Finanzminister Ashraf Ghani. Vorläufige Ergebnisse sollen am 24. April vorliegen. Sollte kein Bewerber eine absolute Mehrheit erhalten, ist für den 28. Mai eine Stichwahl vorgesehen.