Außenpolitik

Geisterstadt ohne Strom und Wasser

Deutschland investierte 250 Millionen Euro in das Feldlager in Kundus. Die Bundeswehr zog ab, die Afghanen sind mit dem Unterhalt überfordert

Gleich zwei Bundesminister reisten vor einem halben Jahr nach Kundus, um den Afghanen das deutsche Feldlager zu übergeben. Rund 250 Millionen Euro hatte Deutschland in die Infrastruktur des Camps investiert, 14 Millionen davon noch im Jahr vor dem Ende des Bundeswehr-Einsatzes in der nordafghanischen Stadt.

Es war eine symbolische Feier: Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) überreichten zwei Holzschlüssel. De Maizière hielt eine für seine Verhältnisse emotionale Rede. „Kunduz, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste, zu kämpfen“, sagte de Maizière. „Auch wenn die Bundeswehr Kunduz heute verlässt: Vergessen werden wir diesen Ort niemals.“ Und Westerwelle sagte: „Wir kehren den Menschen in Afghanistan nicht den Rücken.“ Die Bereitschaftspolizei (Ancop) und die Armee (ANA) übernahmen je eine Lagerhälfte. Das war am 6. Oktober. Am 19.Oktober verließen die letzten deutschen Soldaten Kundus, der Nato-Kampfeinsatz wird Ende 2014 auslaufen.

Die Bundeswehr zog also ab, die Afghanen zogen ein. Heute ist das Feldlager in einem beklagenswerten Zustand. An der Einfahrt erinnert noch ein verwittertes Schild an das ehemalige deutsche Wiederaufbauteam (PRT). „Herzlich Willkommen“ steht dort. Die Ummantelung der Sprengschutzwälle ist eingerissen, Kies quillt aus den Löchern heraus. Wo einst Panzerfahrzeuge und schwer bewaffnete Soldaten das Lager sicherten, sitzen nun zwei Ancop-Polizisten auf einer Bank in der Sonne beim Mittagessen.

Straßen im Lager haben sich abgesenkt, vor eine der Gefahrenstellen haben die Afghanen ein von den Deutschen zurückgelassenes mobiles Halteverbotsschild als Warnung aufgestellt. Der Asphalt hat Risse, die Wassergräben neben den Wegen sind eingebrochen. Bäume und andere Pflanzen vertrocknen.

Teile des Camps überschwemmt

Die meisten Gebäude – darunter die raketensichere Verpflegungshalle und die Wohn- und Bürocontainer – wurden nach dem Bundeswehr-Abzug vom afghanischen Innenministerium versiegelt. Sie stehen leer. Aus dem Innenministerium in Kabul heißt es, es sei immer noch nicht endgültig entschieden, wie das Camp weiter genutzt werden solle.

Einst platzte das Feldlager mit mehr als 1400 deutschen und Hunderten weiteren internationalen Soldaten aus allen Nähten. Heute wirkt das Camp wie eine Geisterstadt, die dem Verfall preisgegeben wurde. Nur knapp 130 Polizisten sind auf der Ancop-Hälfte untergebracht. Und sie sind nicht glücklich.

„Das Hauptproblem sind Wasser und Strom“, sagt der Vizekommandeur der Ancop-Kompanie, Leutnant Asis Rehman. Im Winter seien viele Rohre geborsten. Seit zwei Tagen gebe es gar kein Wasser, ansonsten fließe es meist für etwa eine Stunde am Tag. Dann würden seine Männer Wassertonnen auf Vorrat auffüllen. Zugleich würden wegen der lecken Leitungen Teile des Camps überschwemmt.

Rehman führt die Besucher durch die Unterkünfte seines Trupps in dem Teil des Lagers, in dem einst die Ortskräfte der Bundeswehr wohnten. Zu zehnt liegen die Ancop-Polizisten in den Zimmern, in denen weder Klimaanlagen noch Zentralheizung oder Lichtschalter funktionieren. Die Toiletten sind wegen des Wassermangels in einem unbeschreiblichen Zustand. Vor der kleinen Küche dient ein alter Tischfußballtisch des Typs „Turnierkicker Profi“ als Schuttablage.

In einem Raum deutet Rehman auf Kessel und andere Gerätschaften. „Was ist das?“, fragt er ratlos. Es ist die Heizungsanlage, wie aus den ausschließlich deutschen Beschriftungen hervorgeht. Der „Schaltschrank Heizung“ ist aufgebrochen, der Schlüssel dazu fehlt – wie auch zu drei von den vier Trafo-Containern, in denen eventuell die Lösung für die rätselhaft langen Stromausfälle liegen könnte.

Hilferuf Richtung Berlin

Was mit den Generatoren ist, die die Deutschen vor ihrem Abzug noch installierten? Der Offizier weiß es nicht, das Dieseldepot ist aber ohnehin versiegelt. „Die Menschen, die diese Systeme installiert haben, sind nicht hier“, sagt Rehman. „Wir kennen diese Systeme nicht und können niemanden fragen.“ Er will gerne glauben, dass seinen Vorgängern im Lager alles von den Deutschen erklärt wurde. Weitergegeben worden sei dieses Wissen aber nicht, sagt er. Er wolle die Deutschen darum bitten, die Afghanen beim Unterhalt des Camps zu unterstützen, sagt Rehman. „Sonst wird hier in einem Jahr alles beschädigt sein.“ Auch aus dem Innenministerium in Kabul klingen auf Anfrage entsprechende Anliegen an die Deutschen an.

Die Bundeswehr will darauf aber auf gar keinen Fall eingehen. Der Bundeswehr-Kommandeur in Afghanistan, Generalmajor Bernd Schütt, sagte, er werde den zuständigen Brigadegeneral der Ancop fragen, „was er über die infrastrukturelle Lage in Kundus weiß und was er zu tun gedenkt. Es bleibt aber dabei, dass jetzt die Afghanen in der Verantwortung sind, und dahinter wollen wir auch nicht mehr zurück.“