Porträt

Der Handwerker

Kanzleramtsminister Peter Altmaier sorgt dafür, dass Union und SPD harmonisch regieren. Niemand vermisst Ronald Pofalla

Nur der Zeitpunkt, an dem Peter Altmaier verstummte, lässt sich exakt benennen. Es war der 9. Februar um neun Minuten nach Mitternacht. Der 55-jährige Berufspolitiker, der vor gut 100 Tagen als „Chef des Bundeskanzleramtes und Minister für besondere Aufgaben“ eine neue Karrierestufe erklomm, arbeitet in seiner 280 Quadratmeter großen Altbauwohnung an seinem Computer. Ab und an checkt er, einer Gewohnheit folgend, seine Timeline. Doch in dieser Nacht erschrak er, als er die Bilder von blutenden Menschen aus Kiew sah und von der Brutalität der ukrainischen Polizei erfuhr. Da folgte er noch einmal, ein letztes Mal, dem Impuls, seine Gedanken und Gefühle einfach mitzuteilen: „Mitten in Europa. Unfassbar #euromaidan“ twitterte er an seine 56.100 Follower. Seitdem herrscht Stille.

Seit sechs Wochen schweigt Altmaier nun schon. Eine Ewigkeit für den CDU-Politiker, der das Netz für die „größte Veränderung seit der Französischen Revolution“ hält und der sich jede Nacht bei aller Netzwelt mit einem burschikosen „Ich mach mich jetzt vom Acker“ ins Bett verabschiedete. Vorbei. Aus. Gibt es nicht mehr. Der „Twitter-König“ Altmaier ist tot. Der Mord geschah im Kanzleramt.

Angela Merkels modernistisch-funktionale Trutzburg an der Spree ist der Käfig, in dem der lustige Vogel Altmaier ernst und still wurde. Kurz vor dem Jahreswechsel ist er eingezogen – als Chef. Genauer: als „ChefBK“, wie sein Posten im Haus abgekürzt wird. Doch auch nach drei Monaten wirkt Altmaier in seinem Büro, das auf der gleichen Etage wie das der Kanzlerin liegt, seltsam unbehaust: Kein Bild hat er aufgehängt, kein Foto aufgestellt, nur eine paar juristische Kommentare in die leeren Regale gestellt. Am Computer klebt noch der Lieferschein. Es ist, als hätte Vorgänger Ronald Pofalla gerade erst seinen Kram rausgeräumt. Genau, jener Pofalla, der als Merkels Buhmann für jeden schwarz-gelben Mist den Kopf hinhalten musste und dem am Ende auch noch fast sein Abflug in die Wirtschaft verunglückte. Ob Altmaier im Kanzleramt glücklicher wird?

Er will ein Promi bleiben

Bisher sieht er vor allem müde aus. Er arbeite viel, meint Altmaier selbst. Einfacher als die Frage, ob Altmaier im Kanzleramt glücklich ist, ist jene, ob sie im Kanzleramt mit ihm glücklich sind. Sie sind es. Sogar sehr. Und, erstaunlicherweise, überall sonst auch. Man kann Sozialdemokraten fragen oder ostdeutsche Länderchefs oder Mitarbeiter. Alle jubeln: Altmaier sei bienenfleißig, eingearbeitet, lasse alle zu Wort kommen, schmiede faire Kompromisse, versuche, keine Verlierer zurückzulassen und, falls dies unvermeidlich ist, den Unterlegenen die Möglichkeit zu geben, ihr Gesicht zu wahren. Man muss nicht von den Rentengeschenken, Mindestlöhnen und Frauenquoten der großen Koalition überzeugt sein, um anzuerkennen, dass es handwerklich besser läuft als bei Schwarz-Gelb.

Altmaier weiß aber auch, wann er schweigen muss. Erfolgreiche Projekte gehören den Fachministern. Das große Ganze gehört sowieso Merkel. Dazwischen fand Vorgänger Pofalla keinen Platz – er verschwand völlig aus der Öffentlichkeit. Das soll Altmaier nicht passieren. Er will ein Promi bleiben. Weil es seiner CDU nutzt, die neben Merkel kaum noch bekannte Gesichter hat, argumentiert er. Aber auch, weil es ihm nach Jahrzehnten auf Verwaltungen und Hinterbänken einfach verdammt viel Spaß gemacht hat, plötzlich im Fernsehen zu glänzen. Er muss also hinter den Kulissen wirken und will gleichzeitig auf der Bühne sichtbar bleiben. Gelingt ihm das, kann er tatsächlich glücklich im Kanzleramt werden.

Selbstverständlich schildert er das selbst weit weniger dramatisch: „Meine Rolle in der Öffentlichkeit ist jetzt eine andere als die eines Fachministers – welche das sein wird, kann ich nach wenigen Wochen im Amt noch nicht sagen.“ Tatsächlich experimentiert er. In Schloss Meseberg, bei der Regierungsklausur, hielt er allen Ministern die Tür auf und twitterte davon ein Foto. Botschaft: Seht her, ich bin hier der Hausherr! Aber als die Tür wieder zu war und es interessant wurde, schwieg Altmaier. Er weiß selbst, dass erfolgreiche Kommunikation im Netz mit dem Behaupten von Wichtigkeit allein nicht funktioniert.

Auch im Fernsehen tastet sich der ehemalige Dauergast jetzt langsam vor: Den großen Talkshows sagte er in seinen ersten Wochen im Kanzleramt alle Anfragen ab. Aber er stritt auf einem Spartenkanal mit Sascha Lobo, ob das Internet „kaputt“ sei. Altmaier testete, ob er vielleicht bei Neben- und Nischenthemen weiter reden könne. Leider guckte niemand die Sendung vom kaputten Internet. Also ging Altmaier doch wieder in die Primetime und erklärte im „Brennpunkt“ die Krim-Krise. Er klang dabei aber nicht wie er selbst, sondern wie Merkels Regierungssprecher.

Die Späße werden schlichter

Als Kanzleramtschef sind Altmaiers Späße schlichter geworden. „Sie haben nicht den wichtigsten Minister eingeladen, aber den gewichtigsten“, ist die Eröffnung seiner neuen Standardrede. Als die Kanzlerin wegen eines Beckenbruchs zu Jahresbeginn fehlte, musste Altmaier einen Teil ihrer Termine übernehmen und Reden halten, die eigentlich für Merkel geschrieben waren. Noch hat er den Ehrgeiz, Persönliches einzuschmuggeln, etwa wenn er den Sternsingern beim Besuch im Kanzleramt erzählt, er sei früher jedes Jahr als Mohr schwarz angemalt worden. Altmaier möchte eine sympathische pädagogische Autorität werden, eine Art knuddeliger Bundes-Erklär-Bär. So einen würden die Menschen mögen. So einer dürfte auch wieder twittern.