Konflikt

Niemandsland zwischen zwei Armeen

An der Krim-Grenze stehen sich Ukrainer und Russen gegenüber. Beide rüsten auf. Die Menschen können nur zugucken. Und warten

Der eisige Wind weht auf der Landzunge zwischen der Krim und dem Festland. Links und rechts sind hier die Sümpfe und Buchten des Asowschen Meeres. Sywasch wird diese Gegend genannt – oder Faules Meer. Juri hat seine Kapuze zugeschnürt, der Wind bläst kräftig. Juri steht den ganzen Tag am Straßenrand neben seinem alten Lada, eine Tür ist schwarz, der Rest des Wagens dunkelrot. Im Kofferraum liegt ein Dutzend kleine Schollen zum Verkauf. Und auf einer Kiste hat er Ein-Liter-Glasdosen mit Kaviar ausgestellt. Eine Dose schwarz, eine Dose rot, dann wieder schwarz und wieder rot. Zwei Dosen verkauft er für 50 Hrywny, weniger als vier Euro.

„Dieser Kaviar wird in Sewastopol aus Algen gemacht“, erzählt Juri lachend. „Der Unterschied zwischen dem schwarzen und dem roten ist nur die Farbe.“ Heute hat der 30-Jährige allerdings noch nichts verdient, dennoch steht er weiter am Straßenrand. In seinem Dorf Tschongar auf dem Festland gibt es keine Arbeit. Sein Geld verdient er damit, dass er Fisch aus dem Asowschen Meer und den Algenkaviar an Touristen verkauft, die hier Richtung Krim vorbeifahren. Genauer gesagt, die hier früher vorbeigefahren sind. In diesem Jahr sind Juris Aussichten, etwas zu verdienen, sehr schlecht. Er steht jetzt genau zwischen einem russischen und einem ukrainischen Checkpoint. Die Gegend, in der er aufwuchs, ist jetzt ein Niemandsland zwischen zwei Armeen.

Stacheldraht zwischen Dörfern

An vielen Orten in der ehemaligen Sowjetunion gibt es diese Grenzen zu abtrünnigen Gebieten, die international nicht als Staaten anerkannt sind. Wie sie auf den Karten gekennzeichnet sind, hängt davon ab, in welchem Land die gedruckt wurden. Abchasien, Südossetien, Bergkarabach oder Transnistrien. Das sind seltsame und traurige Orte, an denen Stacheldraht an einem Tag zwischen den Nachbardörfern gezogen wurde und Familien von ihren Verwandten getrennt hat. Düstere Checkpoints, Unklarheit, wer hier das Oberkommando hat und die Durchreise erlaubt. Auch Misstrauen, Nervenkrieg und Schüsse, die ohne Grund abgefeuert werden. Am meisten leidet darunter die Zivilbevölkerung vor Ort. Die ersten Anzeichen sind da, dass die Gegend von Tschongar auch zu einem solchen Gebiet wird.

Ein paar Kilometer von Juri entfernt sind eine Reihe von Pfählen frisch in die Erde gerammt, dazwischen Stolperdrähte. Daran sind rote Schilder befestigt, sie zeigen einen Totenkopf. „Minen“ steht darunter. Auf diesem Feld soll die Position russischer Truppen auf der Krim verteidigt werden. Juri kann nicht glauben, dass dort Minen liegen. „Ich denke, das sind nur Signalraketen.“ In der Nacht hat Juri ein paar Mal gesehen, wie sie hochgegangen sind, weil ein Fuchs oder ein Hund über die Stolperdrähte gelaufen ist. Soldaten von der Krim-Seite feuerten daraufhin mehrere Schüsse ab.

Die Maskierten, die an diesem Checkpoint Dokumente prüfen, haben etwas gegen Kameras. Vor dem Referendum wurden hier mehreren Journalisten ihre Technik abgenommen. Was hier nicht gefilmt werden darf, sind Stellungen von russischen Truppen, die seit Tagen befestigt werden. Hier ist eine der zwei großen Straßen, die die Krim mit dem Festland verbindet. Am Straßenrand steht ein Denkmal – zwei Kanonen aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs.

Auch die ukrainische Armee befestigt ihre Stellungen. Neben Tschongar gibt es jetzt auch einen Checkpoint der ukrainischen Grenztruppen, eine temporär eingerichtete Wellblechbude. Ein Schützenpanzer steht hier, Soldaten ziehen einen Stacheldraht. Auch hier gibt es Schützengräben. Die Ukrainer bereiten sich auf den Fall vor, dass die russische Armee von der Krim aufs Festland marschiert, um womöglich die russischsprachige Bevölkerung auch dort zu „beschützen“.

Zwar sagte der russische Präsident Wladimir Putin, sein Land sei nicht an der Spaltung der Ukraine interessiert. Und auch sein Sprecher Dmitri Peskow erklärte, die russische Einmischung im Südosten der Ukraine stehe „nicht auf der Tagesordnung“. Doch vertrauen will diesen Worten in der Ukraine niemand, zumal Peskow noch mehr sagte: Man wolle keine Prognosen über Blutvergießen in den östlichen Regionen machen. Und: Wenn die Regierung in Kiew nicht auf die schwierige Situation im Osten achte, könne das „sehr sehr schlimme Konsequenzen“ haben.

Und tatsächlich wurden im Gebiet Cherson auf dem ukrainischen Festland bereits mehrmals russische Soldaten gesehen. Am Tag vor dem Referendum gab es eine russische Truppenlandung unweit von Tschongar. Nach ukrainischen Angaben wurde ein Dorf auf der Arabat-Nehrung am Asowschen Meer von 80russischen Soldaten besetzt, die aus Hubschraubern abgesetzt worden waren. Das ukrainische Außenministerium schickte eine Protestnote nach Russland.

„Mehrere Familien aus unserem Dorf sind bereits weg“, erzählt Fischverkäufer Juri. „Einige wollen zu Russland gehören, andere zur Ukraine.“ Er selbst will in der Ukraine bleiben – und er ist traurig, dass die Krim jetzt faktisch verloren ist. Immerhin: Das Brot wird in sein Dorf noch aus der Stadt Dschankoi auf der Krim gebracht – wie früher. Verwandtenbesuche auf der Halbinsel sind auch problemlos möglich. Wie lange das so bleiben wird, weiß hier niemand.