Personalien

Ein Schwergewicht der katholischen Kirche

„Superstar“ Kardinal Reinhard Marx wird neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz

Schöne Bilder waren den Verantwortlichen bei der Vollversammlung der deutschen Bischöfe wichtig. Der neue Vorsitzende, eben hinter den dicken Mauern des Priesterseminars am Münsteraner Domplatz gewählt, sollte würdevoll durch die Tür am Eingangsportal schreiten und der versammelten Journalistenschar vorgestellt werden.

Türen aufstoßen in der katholischen Kirche – das gehört zum Aufgabenprofil für den „Neuen“, den 60-jährigen Münchner Kardinal Reinhard Marx. Denn der Koloss Kirche wankt durch eine tiefe Krise. Bei den Bischöfen und ihren mehr als 24 Millionen Schäfchen herrschen tiefe Verunsicherung und Streit, wohin der Weg nun führen soll. Und durch welche Türen. Können wiederverheiratete Geschiedene auf mehr Barmherzigkeit hoffen und das Abendmahl empfangen? Gilt Sex vor der Ehe weiter als Sünde, obwohl die meisten Gläubigen das anders sehen und praktizieren? Hat die Kirche nach dem Skandal um Limburgs Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst den Mut, ihr Vermögen transparent zu machen? Will sie Frauen stärker einbinden, womöglich in Weiheämtern? Welche Relevanz hat die Kirche in einer zunehmend säkulären Gesellschaft, in der Spiritualität nicht zwingend etwas mit Gott zu tun hat?

„Ich habe keine Regierungserklärung vorbereitet“, sagte also der gerade gewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, als er kurz nach elf Uhr im Innenhof des Priesterseminars vor die Kameras trat. Ein Vorsitzender der Bischofskonferenz, in der mehr als 60 Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Weihbischöfe unterschiedlichster Prägung vereint sind, kann nicht gleich die ganze Welt verändern, auch nicht die Kirchenwelt. Aber er kann seine herausgehobene Stellung als Gesicht der Kirche nutzen, um Zeichen zu setzen, um der Kirche und der Gesellschaft gleichermaßen Anstöße zu geben, um beim Papst auszuloten, was geht und was nicht.

Zumindest eine Mehrheit der Bischöfe traut Marx das zu, dem manchmal barock wirkenden, voll im Leben stehenden Erzbischof, den manche schon als „Superstar“ sehen. Marx gilt – durchaus auch im Wortsinn – als Schwergewicht in der katholischen Kirche: zupackend, volksnah, konservativ, offen für neue Wege. So rüffelte er jüngst Erzbischof Gerhard Ludwig Müller von der mächtigen Glaubenskongregation in Rom, weil der etwa bei Wiederverheirateten keinen Handlungsbedarf sieht. Auch für mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen tritt der gebürtige Westfale ein.

Marx verkörpert den personellen Umbruch in der Bischofskonferenz, der sich in den kommenden Monaten beschleunigen wird: Mindestens fünf Bischofsposten sind demnächst neu zu vergeben. Marx „kann“ mit den Medien, spricht klare, zitierbare Sätze. Marx kann die Kirche so auch ein Stück weit nach außen „verkaufen“. Er steht damit für eine ganz andere Art der Kommunikation als sein Vorgänger aus Freiburg, Erzbischof Robert Zollitsch (75). „Dass er medial so erfahren und überzeugend ist, hat für Bischöfe bei der Wahl eine große Rolle gespielt“, meint der Sozialethiker und Theologe Karl Gabriel von der Universität Münster.

Und was auch wichtig ist: Marx ist eng mit Papst Franziskus vernetzt. Der Argentinier, am Mittwoch seit genau einem Jahr im Amt, baut auf ihn, berief ihn in das Beratungsgremium zur Reform der Kurien und jüngst auch in den neuen Wirtschaftsrat – quasi das Finanzministerium im Vatikan. Marx steht hinter dem Papst. Mit ihm verbindet ihn, wie er sagte, ein „Aufbruch“.