Prozess

Hoeneß bangt um seine Freiheit

Richter nimmt hohe Steuerschuld von 27,2 Millionen in die Anklage auf. Schon heute wird das Urteil erwartet

Kurz, aber nicht schmerzlos: Der dritte Verhandlungstag in der Causa Hoeneß dauerte gerade mal 70 Minuten, keine volle Fußballpartie lang. Den Rest des Tages bekamen die Schöffen Zeit zum Lesen, denn die Prozessunterlagen sehen sie, anders als Richter und Anwälte, bei der Verhandlung zum ersten Mal. Kommen keine weiteren Beweisanträge, fällt am Donnerstag das Urteil. Das könnte harsch ausfallen.

Denn die Anklage lautet nach einer Erweiterung durch den Richter nunmehr tatsächlich auf Steuerhinterziehung von 27,2 Millionen Euro. Gegenüber den 3,5 Millionen vom Montagfrüh ist das eine rekordverdächtige Steigerung. Am Morgen des dritten Verhandlungstages erkannte die Verteidigung die von einer Steuerfahnderin errechnete Summe an. Und der Richter nahm sie denn auch prompt in die Anklage auf. Am Nachmittag, als die Verhandlung längst vertagt war, meldete sich dann noch der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ken Heidenreich, zu Wort und sagte: „Die Summe ist mitentscheidend für das Strafmaß.“

Bis zu zehn Jahre Haft möglich

Er betonte auch, dass die Staatsanwaltschaft die Selbstanzeige nach wie vor für unwirksam halte. Schlechte Aussichten also für den FC-Bayern-Präsidenten: Bei besonders schwerer Steuerhinterziehung drohen bis zu zehn Jahre Haft. Offen äußern wollen sich Juristen und Experten noch nicht. Hinter vorgehaltener Hand schwanken die Angaben zwischen viereinhalb und sechs Jahren.

An Neuem wurde an diesem dritten Prozesstag nicht mehr viel aufgedeckt. Zwei Zeugen waren geladen, ein IT-Experte und ein deutscher Betriebsprüfer. Ihre Aussagen rundeten lediglich ab, was ohnehin bekannt war – unter anderem, dass Uli Hoeneß nicht nur mit geheimem Schweizer Spielgeld eine ausgeprägte Neigung zum Zocken mit Währungsschwankungen hatte, sondern ähnlich auch in Deutschland zugange war, dort aber offenbar ordentlich dafür Steuern gezahlt hat. Umzugskisten mit Akten zu Devisentermingeschäften musste der Rosenheimer Prüfer durchwühlen, „und das war komplex, das fällt einem nicht so einfach in den Schoß“, sagte der 50-Jährige.

Spannender war da die Erklärung von Hanns W. Feigen, dem Strafverteidiger, den sich Hoeneß im Dezember ins Team geholt hatte. In der ihm eigenen beiläufigen Art räumte der Staranwalt aus Frankfurt zunächst ein: Die am Vortag von der Rosenheimer Steuerfahnderin Gabriele H. genannten Zahlen seien akkurat errechnet und wiedergegeben.

Damit tat sich allerdings ein riesengroßes Fragezeichen auf. Denn immerhin war es Feigen selbst, der noch am Montag – auch da so beiläufig, dass es zunächst kaum auffiel – jene 15 Millionen hinterzogenen Steuer-Euro gestanden hatte, von denen bis dahin der Staatsanwalt noch nichts wusste. Hoeneß selbst hatte keine Zahlen genannt: „Ich habe mir nie einen Kontoauszug angeschaut.“ Die Verteidigung jedoch hatte alle Zahlen komplett auf dem Tisch. Sie war es, die sie auf zwei USB-Sticks weitergegeben hatte an die Steuerfahndung. Wie kam Feigen also auf 15 Millionen Euro? Dazu sagte er in seiner Erklärung nichts.

Dafür ging er lieber harsch die Medien und sogar die Sprecherin des Landgerichts an. Die Aussagen der Steuerfahnderin seien „nicht in die Weite des Saales gedrungen oder nicht richtig verstanden worden“. Mit anderen Worten: Es sei Quatsch zu behaupten, Uli Hoeneß habe schon am 18. Januar 2013 alle nötigen Daten zusammengehabt, sie aber nur zurückgehalten. Und nicht minder unsinnig hielt Feigen die Behauptung der Gerichtssprecherin Andrea Titz, selbst die Verteidigung sei von der neuen Summe überrascht worden. „Wir sind ja nicht dämlich.“

Nun ja. Vor dem dritten Verhandlungstag hatte sogar der Kaiser selbst versucht, Feigen noch ein bisschen Feuer zu machen. Im Moment „schaut’s vielleicht nicht ganz so gut für den Uli aus“, hatte Franz Beckenbauer dem Bezahlsender Sky gesagt. Ganz der Fußballer, der Taktiker und Stratege, schob er mahnend hinterher: „Aber ich habe bislang noch keine Verteidigung gesehen.“

Die Verteidigung, wenngleich in Dreierkette im Saal aufgestellt, war bisher in diesem Verfahren tatsächlich noch kaum in Erscheinung getreten. Dabei hätte es an den beiden Vortagen durchaus Möglichkeiten zum Einhaken und Verdeutlichen gegeben. Feigen, ein Jesuitenschüler und Arztsohn aus Oberhausen, hat immerhin Klaus Zumwinkel aus dem Feuer geholt und den Ex-Infineon-Chef Ulrich Schumacher vor Schlimmerem bewahrt. Warum hatte er, der erfahrene Fuchs, dann nicht gleich eingegriffen, als die Steuerfahnderin unerwartet die Schätzung von 23,7 Millionen Euro aus dem Hut zog?

Hoeneß hatte im Januar 2013, nach seiner Selbstanzeige, eine Summe von zehn Millionen Euro als Abschlagszahlung überwiesen. Wie diese Summe zustande kam, konnte sich die Steuerfahnderin nicht erklären – und die Verteidigung unterließ wohlweislich jede Erläuterung dazu.

Die Basis bröckelt weg

Feigen hält nach wie vor an der Haltung fest, dass es nun einmal eine strafbefreiende Selbstanzeige gegeben habe und aus den damals, am 18. Januar 2013, vorgelegten Zahlen bereits jene Steuerschuld von 27,2 Millionen Euro hätte herausgerechnet werden können – zumindest theoretisch. Ken Heidenreich, Sprecher der Staatsanwaltschaft, stellt allerdings klar: Es gibt nur einen Schuss für einen Selbstanzeiger – und der muss sitzen. Alle Daten müssen so klar präsentiert und überschaubar sein, dass die Ermittler daraus die richtigen Schlüsse ziehen können. „Das war aber erst mit den Ende Februar 2014 übermittelten Unterlagen möglich.“

Doch ganz egal, wie das Urteil des Münchner Landgerichts lauten wird. Hoeneß hat sich, seinen Namen und sein Werk bereits jetzt irreparabel beschädigt. Der beste Beleg dafür, wie Hoeneß den Rückhalt in den eigenen Reihen verliert, war am Dienstagabend zu sehen. Beim Champions-League-Heimspiel des FC Bayern gegen den FC Arsenal. Endlich war er wieder dort, wo er sich immer so wohl fühlte. Mit sich und den Seinen, seiner Gefolgschaft auf der Ehrenloge der Haupttribüne, hinter ihm seine Frau Susi, zwei Plätze weiter Bruder Dieter. Neben ihm Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Bundestrainer Joachim Löw war auch da. Es sah aus wie so oft bei einem Heimspiel der Bayern. Doch im Reich des Uli Hoeneß ist das Volk immer weniger auf seiner Seite. Ein langjähriger Fan meinte etwa: „Der Uli muss sofort zurücktreten. So ist er als Präsident nicht mehr haltbar.“ Als Aufsichtsratschef wohl auch nicht mehr.