Kirche

Der Geist von Franziskus

Stabwechsel in der Bischofskonferenz: Zollitsch sieht für seinen Nachfolger mehr Spielräume gegenüber Rom

Eine Wahl hinter verschlossenen Türen. Katholische Würdenträger, die geheimnisvolle Mienen machen. Fromme Worte zu Beginn, die den Beistand von oben erbitten. Das alles Anfang März, ein Jahr nach der Wahl des neuen Papstes. Es liegt ein Hauch von Konklave in der Luft in diesen Tagen im Priesterseminar zu Münster. Nur das Wetter ist anders. Viel besser und wärmer als 2013 in Rom, als die Schaulustigen den weißen Rauch im Regen bejubelten.

Doch bevor auch der viel beschworene Geist von Franziskus in Münster wehen konnte, musste erst das Phantom Franz-Peter gebannt werden. Bis Montagmittag wusste niemand, ob der umstrittene Limburger Bischof Tebartz-van Elst nun teilnehmen werde an der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Erst Erzbischof Robert Zollitsch, der scheidende DBK-Vorsitzende, beendete die Verwirrung und verkündete feierlich: „Der Bischof von Limburg wird nicht teilnehmen.“ Vertreten wird Tebartz vom Limburger Weihbischof Thomas Löhr.

So tritt die heikle Personalie in den Hintergrund und gibt den Blick frei auf eine katholische Kirche in Deutschland, die vor einem Neuanfang steht. Der Hype um den neuen bescheidenen Papst und die Reformimpulse, die er aussendet, setzen die deutschen Oberhirten unter Zugzwang. Gleichzeitig bieten sie aber auch neue, ungeahnte Spielräume.

Liberale wie Konservative wissen, dass man sich in einem seltsamen Schwebezustand befindet. In einem Machtvakuum, in dem man viel Einfluss gewinnen – oder aber verspielen kann. Mehrere deutsche Bistumssitze sind zurzeit vakant, darunter Schwergewichte wie das Erzbistum Köln. Der Papst hat mit seiner Umfrage zur Sexualethik die Frage aufgeworfen, ob die Kirche bei ihrer Morallehre auf die Meinungen der Laien Rücksicht nehmen muss. Er hat in seinem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ verlangt, dass regionale Einheiten wie etwa die Bischofskonferenzen mehr Kompetenzen gegenüber der Vatikanzentrale bekommen sollen. Die Deutsche Bischofskonferenz kann und muss sich neu erfinden. Und ausgerechnet in dieser Situation tritt nun auch noch ihr Vorsitzender aus Altersgründen ab, und die mehr als sechzig Erzbischöfe, Bischöfe und Weihbischöfe wählen in Münster aus ihrer Mitte seinen Nachfolger – eine Richtungswahl.

Robert Zollitsch wirkt erleichtert, dass er mit den nun bevorstehenden Macht- und Flügelkämpfen nichts mehr zu tun hat. Locker stellt er sich zum Auftakt der Vollversammlung am Nachmittag vor die wartenden Journalisten. Er scheint sich einen Spaß daraus zu machen, über alle heißen Themen zu sprechen, die sich Bischöfe sonst nur mühsam aus der Nase ziehen lassen. Er plaudert über die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten („Wiederverheiratete gehören ganz klar zur Kirche“), über Homosexuelle, die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, über einen möglichen Umzug der DBK-Geschäftsstelle von Bonn nach Berlin. „Es wird in dieser Frage keinen Schnellschuss geben“, versichert er dazu. Es gebe in der Frage einiges zu bedenken, auch was die Mitarbeiter betreffe. „Ich persönlich war nicht unglücklich mit der Zweiteilung“, sagte der Erzbischof. Vor kurzem hatte Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa den kompletten Umzug in die Hauptstadt vorgeschlagen, unter anderem, um den Apparat zu verschlanken.

Sein entspannter Blick scheint zu sagen: Das soll jetzt mal der Neue managen – ich bin dann mal weg. Als Zollitsch über die Ukraine-Krise spricht, bezeichnet er Russland als Sowjetunion. Aber selbst dieses Versehen kann seine Stimmung nicht trüben. Die Tage, an denen in den Medien jedes seiner Worte seziert werden konnte, sind ja gezählt.

Besonderen Wert legt Zollitsch auf den Papstvorstoß, die Bischofskonferenzen aufzuwerten. „Franziskus will unsere Position stärken.“ Auch auf den Fall Tebartz kommt Zollitsch zu sprechen, ungefragt. Er habe den Prüfungsbericht erhalten, ihn mit Bischof Tebartz besprochen und das Papier schließlich persönlich in Rom der Bischofskongregation übergeben: „Ich hoffe, dass sich die Entscheidung in Rom nicht allzu lange hinzieht und im Interesse des Bischofs, des Bistums Limburg und der Kirche in Deutschland getroffen werden wird.“ Als „verbesserungsfähig“ bezeichnete der scheidende Vorsitzende die Solidarität der Bischöfe untereinander. Er habe in sechs Jahren Amtszeit die Erfahrung gemacht, dass die Verbindlichkeit gemeinsamer Beschlüsse mitunter als Gegensatz zur Autonomie des einzelnen Bischofs gesehen werde. Am Montag kamen auch Zollitschs Amtsbrüder für erste Beratungen zusammen. Für den Abend war die Eröffnungsmesse im Dom geplant. Am Dienstag wollen sich die Bischöfe Gedanken machen über die Lage der Kirche in Deutschland. Das ist der Teil der Beratungen, in dem sich mögliche Kandidaten warmlaufen können. So soll besprochen werden, wie man die wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals voranbringt, nachdem ein Forschungsprojekt des Kriminologen Christian Pfeiffer 2013 gescheitert war. Auch wollen die Oberhirten sich vorbereiten auf die Bischofssynode in Rom, die für Oktober geplant ist: Bei dem Treffen wird der Sexualethik-Fragebogen diskutiert, den der Papst weltweit verschickt hatte.

Am Mittwochvormittag dann wird Zollitschs Nachfolger gewählt. In den ersten beiden Wahlgängen ist eine Zweidrittelmehrheit erforderlich, im dritten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit. Der schwierigste Teil kommt für den neuen DBK-Chef nach der Wahl. Die Erwartungen der katholischen Lager gehen weit auseinander, vor allem bei der Frage, wie eigenständig oder romtreu die DBK werden soll.