Ukraine

„Der Maidan lebt“

Die Revolution ist vorbei, doch für die Aktivisten auf dem Platz geht der Krieg weiter. Kreml-Kritiker Chodorkowski hält Rede vor Zehntausenden

Olga Hodowanez scheint es an nichts zu fehlen. Und das, obwohl sie schon seit fast eineinhalb Jahren kein Geld mehr verdient hat. Wenn die 36-jährige Kiewerin etwas zu essen braucht, dann geht sie zu einem ihrer vielen Freunde auf den Maidan. Oder sie stellt sich kurz in die Schlange vor einer der Suppenküchen auf dem Platz der Unabhängigkeit. Und wenn ihr Handy mal wieder leer ist, schreibt sie auf Facebook eine Nachricht und wenig später ist ein Vielfaches der gewünschten Summe auf der Karte. „Das ist der Maidan, so funktioniert er“, sagt die Ukrainerin. Dann lächelt sie, die auch so ernst gucken kann. Und ihre grünen Augen strahlen.

Es hat etwas von einer studentischen Großkommune, einer kleinen Parallelgesellschaft, die da im Herzen Kiews, gesichert mit Reifen- und Steinbarrikaden, entstanden ist. Eine Fläche von mehr als nur ein paar Fußballfeldern dürfte das Dorf am Hotel Ukraine abdecken. Das Lager erstreckt sich nicht nur über den Platz selbst, sondern auch bis auf dem Chreschtschatik. Es ist ein Dorf aus beheizten Zelten, mit Küchen, Krankenstationen, einer offenen Universität, Geldsammelstellen, und einem Fahrservice. Nicht einmal McDonald’s konnte sich dem Sog verwehren und hat seine Filiale am Maidan für eine psychologische Ambulanz und das Technikzentrum des Maidans zur Verfügung gestellt.

Die zweite Gewalt

Wenn Menschen aus dem Ausland dieser Tage nach Kiew kommen, fragen sie, warum das alles noch da ist. Der verhasste Präsident Janukowitsch ist abgesetzt, die Barrikaden erscheinen überflüssig. Und der Termin für die Präsidentschaftswahlen steht mit dem 25. Mai fest. Doch die „Revoluzionery“, wie sie sich nennen, haben erst ein Etappenziel erreicht. „Es geht um viel mehr“, sagt Olga. „Der Maidan, er steht für Gerechtigkeit. Wir trauen auch der neuen Regierung nicht. Wir bauen hier eine neue Gesellschaft.“ Die Skepsis in den Augen ihres Gegenübers bleibt ihr nicht verborgen. „Wir hier werden aufpassen, dass die Macht das tut, was das Volk will. Der Maidan lebt.“ Immer weiter erzählt Olga von den vielen Facetten des Platzes. „Der Maidan war ernst, fröhlich, er war langweilig, er war weiblich.“ Und jetzt? „Jetzt ist er aggressiv. Der Maidan ist männlich geworden. Wir sind im Krieg“, sagt sie und relativiert damit den Anschein von der Studentenkommune.

Wie wichtig der Maidan weiterhin ist, zeigt auch der Besuch des früheren Kreml-Kritikers Miachail Chodorkowski am Sonntag. Mit einer aufrüttelnden Rede rief er zum Einlenken im Krim-Konflikt auf. „Für Ukrainer und Russen existiert nur der einheitliche Weg der europäischen Entwicklung“, sagte er vor Zehntausenden. Die frühere ukrainische Regierung sei mit Einverständnis Russlands brutal gegen Regierungsgegner vorgegangen. Es gebe aber auch ein „anderes Russland“. Viele Menschen im Riesenreich würden trotz Verboten für die russisch-ukrainische Freundschaft demonstrieren. Chodorkowski sagte weiter, er habe auf dem Maidan mit vielen Menschen gesprochen. „Sie haben nur ihre Freiheit verteidigt.“

Wie viel vom Geist des Maidans werden Menschen wie Olga in die neue Ukraine hinüberretten können? Wer den Maidan verstehen will, diese undurchschaubare, aber doch geordnete Parallelgesellschaft, muss Olga nur eine Weile folgen. Es vergeht selten mehr als eine Minute, in der die Frau mit den mittellangen braunen Haaren nicht herzlich umarmt wird. Oder jemand sie mit der gestreckten Faust begrüßt, wie es die Maidaner tun. Oder das Telefon klingelt. Plötzlich bleibt Olga stehen und schaut sich um. Ein etwa 50-jähriger, gut gekleideter Mann kommt auf sie zu, gibt ihr einen Briefumschlag in die Hand. Sie reden auf Ukrainisch miteinander, Olga nickt mehrfach, erzählt kurz etwas. Es ist ein Weltbank-Mitarbeiter. „Wir wollten für Opfer des Maidans spenden“, sagt er, „aber das eben nicht über eine der großen Organisationen. Und da sind wir über Kontakte auf Olga gekommen.“

Olga ist Teil eines von vielen kleinen Netzwerken, die zurzeit für die Opfer der Unruhen sorgen. 100 Tote, und mehr als 260 Menschen gelten als verschollen. Noch viel mehr Menschen, rund 2000, sind verwundet. Betroffen sind Familien, in denen jetzt der Vater oder der Sohn fehlt. Frauen sind kaum verletzt, was fast ein Wunder ist. Denn viele waren wie Olga mittendrin. Sie selbst hat einen Freund verloren – einen 34-jährigen Lichtingenieur, der nach einem Schuss eines Snipers in eine Beinarterie starb, weil er zu viel Blut verlor. Und sie kennt viele Menschen, die jetzt auf Hilfe angewiesen sind. Es ist das Resultat einer Hölle, durch die Olga und Tausende anderer Menschen gegangen sind. Sie hat schon 2004 auf dem Maidan gekämpft, und sie war sofort da, als einer ihrer Freunde, der in der Ukraine bekannte Journalist Mustafa Nayyem am Abend des 21. November um 17.55 Uhr auf Facebook ganze fünf Zeilen postete: „Also, lasst es uns nun auf die ernste Art versuchen. Wer hier ist bereit, heute bis Mitternacht auf den Maidan zu kommen?“ Es dauerte genau eine Minute, bis die erste Antwort kam. Und wenige Stunden, bis 500 Menschen auf dem Maidan waren. Und drei Tage später waren es rund 100.000. Was von da an geschah, wird Historiker noch lange Jahre beschäftigen. „Vieles haben wir selbst nicht verstanden und können es überhaupt nicht erklären“, sagt der Soziologe Bogdan Motysenko.

Rauchschwaden hängen in der Luft

Die Sonne geht unter auf dem Maidan. Rauchschwaden hängen in der Luft, hier und da sitzen Menschen an ihren Kohleöfen zusammen. Olga hat ihren braunen Rucksack wieder auf. „Der Maidan ist mein Leben“, sagt sie, während sie über den Platz geht. Und was wird sie machen, wenn es den Maidan nicht mehr gibt? „Arbeiten, Kinofilme drehen.“ Aber ihr Blick lässt keinen Zweifel daran, dass sie ihr Leben wieder dem Maidan geben wird, wenn er ruft. Und wer den Platz, der inzwischen in den Köpfen und Herzen noch präsenter ist als im Zentrum Kiews, erobern will, wird an ihr und vielen anderen nicht vorbeikommen.