Gegenwehr

Edathys Facebook-Verteidigung

Drohungen, Rechtsbelehrung und Angriffe: Wie der untergetauchte SPD-Mann im Netz für sich kämpft

Es war eine geheimnisvolle Nachricht, die Sebastian Edathy am Donnerstag via Facebook in die Welt setzte. Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete, der wegen Morddrohungen um sein Leben fürchtet, postete – mutmaßlich aus seinem Versteck in Dänemark, keiner weiß das so genau – einen überraschenden Text auf Englisch. Der sollte eine Warnung an alle sein, von denen Edathy sich gerade verfolgt fühlt. Die Papiere „mit der ganzen Geschichte“, so hieß es darin, seien „an vielen Orten untergebracht“ – und würden genau dann veröffentlicht, wenn ihm etwas zustößt. So weit, so unheimlich.

Der Mann, gegen den wegen Verdachts auf Besitz kinderpornografischer Schriften ermittelt wird, loggt sich regelmäßig in das soziale Netzwerk Facebook ein. Da bringt er seine Sicht der Dinge unter die Leute, in bisweilen kuriosen Zuspitzungen. Macht seinem Ärger über das Parteiausschluss-Verfahren Luft, das gegen ihn in Gang gesetzt wurde. Kanzelt die Behauptung, er habe „unrechtmäßig ‚geheime‘ Unterlagen über den NSU-Untersuchungsausschuss in meiner rechtswidrig durchsuchten Privatwohnung aufbewahrt“, als „puren Unfug“ ab – und als „Ablenkungsmanöver“ einer Staatsanwaltschaft, „die sich völlig verrannt hat“.

300 Nutzer klicken: Gefällt mir

Auch Berichterstatter kritisiert er: „Die Geheimschutzstelle des Bundestages wird – offenbar ist das bei manchen Medien schon zu viel erwartet – auf Nachfrage bestätigen können, dass alle als ‚geheim‘ deklarierten Dokumente von mir vor Wochen zurückgegeben wurden.“ In einem Kommentar beschwert Edathy sich auch über Artikel, die er als unfair empfindet und zum Nachlesen verlinkt („Man beachte nur die Überschrift ... Unglaublich!“). Um die 300 Facebook-Nutzer quittieren seine Auslassungen regelmäßig mit dem „Gefällt mir“-Button.

Für den Berliner Medienpsychologen Jo Groebel ist der Fall klar. Der Professor hat für die Berliner Morgenpost Edathys Facebook-Profil analysiert. „Facebook ist eine Plattform, die für Sebastian Edathy zur Zeit einen geradezu erlösenden Charakter haben muss“, sagt er. „Der Drang, seine eigene Meinung zu äußern, Presseartikel zu posten, die ihn zumindest halb entlasten, das Internet kanalisierend zur Verteidigung in eigener Sache zu nutzen, ist bei Edathy übermächtig.“ Groebel hält es taktisch zwar für falsch, sich so einzulassen, er kann Edathys Motiv aber nachvollziehen: „Auch wenn noch kein juristisches Urteil gesprochen wurde, ist Edathy bereits verurteilt: Er ist moralisch – man muss das so hart sagen – vernichtet.“ Da sei es psychologisch verständlich, dass er nun ständig neue Indizien bringe, die ihn in der Öffentlichkeit entlasten sollen.

Und tatsächlich ist es Edathys immer wieder in neuen Variationen vorgebrachter Hauptanklagepunkt, dass die Staatsanwaltschaft nach wie vor nicht in der Lage sei, ihm mitzuteilen, „was mir eigentlich im Kern vorgeworfen wird“. Edathy räumt zwar ein, bei der kanadischen Firma „Material“, wie er es nennt, bezogen zu haben. Er pocht aber darauf, dass das legal war – und auch für ihn die Unschuldsvermutung zu gelten habe. Die Staatsanwaltschaft Hannover sieht die Filme und Fotosets nackter Jungen, die Edathy gekauft hat, „im Grenzbereich“ zur Kinderpornografie. Groebel erkennt deshalb durchaus Parallelen zum Fall des über seine Schnäppchen-Affäre gestürzten Altbundespräsidenten Christian Wulff, der gerade im Landgericht Hannover vom Verdacht der Korruption, der damals monatelang im Raum stand, freigesprochen wurde. Kommunikationstechnisch wäre es aber trotz der Möglichkeiten von Social Media grundsätzlich immer klüger, „keine öffentliche Diskussion anzuzetteln, sondern zu schweigen und nur seinen Anwalt sprechen zu lassen.“

Doch Edathy erhält auf Facebook auch Zuspruch, der ihm sonst nicht zuteil würde. Da wird ein „Focus“-Artikel in den Kommentaren als „ekelhaft“ bezeichnet oder die kuriose These aufgestellt: „Entweder ist Sebastian der größte Verbrecher des Jahrhunderts oder einfach nur ein Paradebeispiel eines Opfers, das von einer inkompetenten Justiz und geldgeilen Medien versucht wird, auszuschlachten.“ Ein ander Nutzer beklagt sich: „Das ist jetzt wirklich eine Hetzkampagne! Wahrscheinlich finden Sie noch Musik, die Sebastian runtergelanden hat und den Joghurtbecher im Hausmüll, obwohl er in den gelben Sack gehört! Dann gibt es also auch noch ne Ermittlung wegen Umweltverschmutzung!“

Ein seltsam kühler Tonfall

Edathy macht derartige Postings öffentlich, niemand muss sich bei Facebook mit ihm befreunden, um die Pinnwandeinträge anzusehen. Es sind „die Medien“ und „die Politik“, die hier die Basis für Verschwörungstheorien bilden – mit dem Ex-Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses als Opfer dunkler Machenschaften. Den Vogel schießt ein User ab, der aus aktuellem Anlass die Lektüre von Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ empfiehlt: „Andere Umstände – ich weiß – aber eine ähnliche Hetze.“ In der Erzählung des Literaturnobelpreisträgers Böll wird beschrieben, wie eine unbescholtene Frau wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter Opfer der Boulevardpresse wird. Nur ein User fragt Edathy: „Wo bitte ist Ihre Erklärung zur Sache, zur Hauptsache? (...) Das erwarten nämlich Ihre Wähler von Ihnen.“ Und dann ist da noch die Frau, die ihm vorschlägt, sich einfach zu entschuldigen.

Davon scheint Edathy weit entfernt, wenn man sein Facebook-Profil als Maßstab nimmt – und den seltsam kühlen Tonfall, den er dort anschlägt. „Er wirkt nicht wie jemand, der nur betroffen ist, sondern formuliert sehr larmoyant, rechthaberisch und gleichzeitig mitleidheischend“, sagt Groebel. Das erzeuge eine „extreme Ambivalenz in der Anmutung, die nicht wirklich eine Sympathie herstellt“.