Gedenken

Gaucks Geste gegen das Vergessen

Bundespräsident bittet Griechen um Verzeihung für Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht

Der Weg führt über den kleinen Spielplatz. Hinter der roten Plastikrutsche einige Stufen hinauf, dann ragt plötzlich die Gedenktafel aus grauem Marmor in den Himmel. Joachim Gauck tritt vor das Mahnmal mit den Namen der Opfer. Es sind die Toten, die von den Deutschen hier zurückgelassen wurden. Vor mehr als 70 Jahren.

Es war der 3. Oktober 1943. Kinder und Babys, Frauen und Männer, Greise und Schwache kamen durch die Kugeln sowie Schläge der Wehrmachtssoldaten und durch die Flammen ums Leben. An diesem Tag starben im nordgriechischen Bergdorf Lingiades 83 Griechen, 34 Kinder waren unter den Toten, das jüngste zwei Monate alt.

Bundespräsident Gauck hat wie die meisten Deutschen erst lange nach dem Krieg Einzelheiten über die Nazi-Gräueltaten in Griechenland erfahren, von Kriegsverbrechen in Frankreich oder in Polen wusste er lange zuvor. Seine Scham über das späte Wissen ist groß. Nach der Schuld für die eigentliche Barbarei liegt in dieser späten Erinnerung für ihn die zweite Schuld. Umso tiefer will sich der Bundespräsident deshalb vor den Griechen verneigen.

Vor dem Mahnmal mit dem steinernen Relief sterbender Menschen haben sich Dutzende Griechen im kalten Wind versammelt, eine von ihnen verliest die Namen der Getöteten. Gauck senkt den Kopf. Rache war es, die damals die Wehrmachtssoldaten über Lingiades herfallen ließ. Zwei Tage zuvor hatten griechische Partisanen in der Nähe des nordgriechischen Dorfes zwei deutsche Offiziere in einem Hinterhalt getötet. Darauf kam der Befehl zum Vergeltungsschlag. Von etwa 100 Gebirgsjägern wurden auf dem Dorfplatz alle zusammengetrieben, die aufgespürt werden konnten. In kleinen Gruppen wurden sie dann in die Keller geführt und erschossen, die Männer zuerst. Fünf aus dem Dorf überlebten den Schreckenstag, sie konnten sich unter den Leichen ihrer Angehörigen verbergen. Einer von ihnen lebt noch heute. Panagiotis Babouskas ist an diesem Tag zurückgekehrt, er steht wenige Meter hinter dem Präsidenten aus Deutschland.

Gauck begrüßt den alten Mann mit dem weißen Bart. „Sie alle waren arglos, sie alle waren wehrlos“, würdigt Gauck die Opfer. „Kinder und Kindeskinder haben bis heute an der Last zu tragen.“ Was in Lingiades und vielen anderen Orten Griechenlands zwischen 1941 und 1944 geschehen sei, verstöre ihn bis heute, sagt Gauck. Das Massaker von Lingiades zählt zu Dutzenden Kriegsverbrechen, die die Wehrmacht verübte. An die 100 Dörfer und Ortschaften waren Schauplätze derartiger Gräuel. Weit mehr als 50.000 Menschen sollen dabei getötet worden sein. Fast 70.000 griechische Juden wurden außerdem in Vernichtungslagern ermordet. Für Lingiades musste kein Verantwortlicher büßen.

Gauck zeigt seine Scham darüber. „Ich schäme mich, dass Menschen, die einst in deutscher Kultur aufgewachsen sind, zu Mördern wurden. Ich schäme mich auch dafür, dass das demokratische Deutschland, selbst als es Schritt für Schritt seine Vergangenheit aufarbeitete, so wenig über deutsche Schuld gegenüber den Griechen wusste und lernte.“ Wie sehr er es bedaure, dass keiner der damals Verantwortlichen jemals um Entschuldigung gebeten oder Reue gezeigt habe, sagt er auch. Und dann holt er das historische Versäumnis nach: „Es sind diese nicht gesagten Sätze und diese nicht vorhandenen Kenntnisse, die eine zweite Schuld begründen“, sagt Gauck. „Mit Scham und Schmerz bitte ich im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung.“

Gauck ist der erste hochrangige Deutsche, der nach Lingiades kommt. Andere Bundespräsidenten haben andere Orte deutscher Schreckenstaten in Griechenland besucht, das ist jedoch lange her. Und so deutliche Worte wie Gauck hat zuvor kein deutsches Staatsoberhaupt für die Griechen gefunden. Gauck ist nicht allein nach Lingiades gekommen, begleitet wird er von seinem griechischen Amtskollegen Karolos Papoulias. Der 84-Jährige stammt aus der Bergregion, er hatte die Idee, Gauck an diesen Schreckensort zu führen.

Der Weg durch Lingiades ist schwer für Gauck. Der Ort ist einer dieser weißen Flecken auf der Landkarte des deutschen Gedenkens und der Erinnerung. Tatsächlich ist in der Bevölkerung in Deutschland kaum etwas über die Gräueltaten der Wehrmacht in Griechenland bekannt, im Schulunterricht findet sich wenig darüber. Viele Griechen leiden darunter. Die Forderung nach Reparationszahlungen gründet auch auf diesem Schmerz.

Gaucks Besuch in Griechenland endet am Freitagabend dann mit einer bewegenen Note: In der Synagoge der nahe gelegenen Stadt Ioannina trifft der Bundespräsident drei betagte Überlebende des Holocaust. 1944 hatte die Deutschen fast die gesamte Gemeinde nach Auschwitz deportiert. Gauck findet bewegende Worte. Mit Umarmungen und Tränen verabschieden die Überlebenden den Bundespräsidenten.