Chemiewaffen

Wie syrisches Senfgas in der Heide landet

Ab Juni werden im niedersächsischen Munster Reste von Assads Chemiewaffen zerstört. Auf dem Militärgelände hat man damit Erfahrung

Bundespräsident Joachim Gauck hatte kürzlich dazu aufgerufen, politisch in der Welt größeres Selbstbewusstsein zu zeigen und international mehr Verantwortung zu übernehmen. Auch von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) war Ähnliches zu hören. Und danach bereits von einer neuen deutschen Außenpolitik die Rede.

Fürs Erste nimmt Deutschland aber nicht irgendwo auf der Welt mehr Verantwortung wahr, sondern zu Hause, in der Lüneburger Heide, in Munster. Klingt nach Provinz – und ist es auch. Hierhin fährt man nicht mit der Deutschen Bahn, sondern mit einem Zug namens „Erixx, der Heidesprinter“. Aber in Munster befindet sich ein bedeutender Truppenübungsplatz, und auf dem findet Großes statt, denn hier steht eine europaweit einzigartige Einrichtung: eine Anlage zur Beseitigung chemischer Kampfmittel. Hier vernichten Experten der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten (Geka) im Auftrag des Verteidigungsministeriums die Reste der Chemiewaffen aus den Beständen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. „Voraussichtlich von Juni an werden bei uns 370 Tonnen Reststoffe von Chemiewaffen aus Syrien vernichtet“, sagt Geka-Geschäftsführer Jan Gerhard. Wie die Vernichtung der Reste funktioniert, wird an diesem Mittwoch schon einmal demonstriert. Assad hatte auf internationalen Druck nach einem Chemiewaffenangriff im August nahe Damaskus der Vernichtung seiner Giftgasbestände zugestimmt und gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) 1350 Tonnen Chemikalien deklariert. 850 Tonnen davon sind besonders gefährlich, 500 Tonnen sind Industriechemikalien. Unter den gefährlichen Kampfstoffen befinden sich 20 Tonnen Senfgas, die nun außer Landes gebracht und neutralisiert werden sollen.

Bis Juni soll das gesamte Arsenal zerstört werden, so jedenfalls der Plan der internationalen Gemeinschaft. Das ist im Hinblick auf die Sicherheitslage in Syrien und den logistischen Aufwand eines solchen Unternehmens ambitioniert. Die anhaltenden Kämpfe zwischen Regierung und Opposition verzögern den Transport der Chemikalien in die Hafenstadt Latakia. Bis zum Ende dieser Woche erwartet die OPCW immerhin, dass 35 Prozent der Kampfstoffe auf dänische und norwegische Schiffe, die vor der syrischen Küste liegen, verladen sind.

USA übernehmen den heiklen Teil

Nun versenkt man chemische Kampfstoffe – wie es in der Geschichte der Massenvernichtungswaffen schon gelegentlich der Fall war – heute nicht mehr einfach im offenen Meer, sondern zerlegt sie in ungefährliche Einzelsubstanzen. Das passiert in mehreren Schritten, von denen nur der letzte von deutscher Hand ausgeführt wird. Am kritischen Moment im Abbauprozess ist Deutschland nicht beteiligt. Wenn nämlich das Senfgas an Wasser gebunden wird, müssen die Kampfmittel geöffnet werden, und dabei kann natürlich Gas entweichen. Diesen risikoreichen Teil des Vernichtungsprozesses übernehmen die USA mit ihrem Spezialschiff Cape Ray, das die Chemikalien auf dem Mittelmeer, fern jeder Küste, neutralisiert.

Dabei entstehen aus den 20 Tonnen Senfgas der syrischen Bestände schätzungsweise 370 Tonnen Hydrolysat. Diese Lösung ist nicht mehr giftig, sondern nur noch reizend und vergleichbar mit flüssigen Industrieabfällen. Und die Vernichtung dieses ungefährlichen Produkts hat sich Deutschland zur Aufgabe gemacht, bis 2014 sollen die Experten der Geka im Auftrag der Bundesrepublik diese Giftgas-Reste verbrennen.

Regierungskreisen ist es wichtig zu betonen, dass es sich bei den stark verdünnten Stoffen, die in Munster erwartet werden, nicht mehr um Chemiewaffen handelt. Der Grund für diese Vorsicht ist ein internationales Abkommen: Werden in einem Land chemische Kampfstoffe oder zumindest Spuren davon gefunden, so trägt dieses Land selbst die Verantwortung für deren Beseitigung. Ein Transport über Landesgrenzen hinweg gilt als zu großes Risiko – für Syrien hat man aufgrund des Krieges eine Ausnahme gemacht. Und Deutschland hält sich an die Regeln.

Anwohner sind unbesorgt

Auch Geka-Geschäftsführer Gerhard betont: „Das sind gefährliche Stoffe, aber keine Kampfmittel mehr. Noch 2014 soll die Vernichtung abgeschlossen sein, es wird etwa fünf Monate dauern.“ Die Munsteraner sorgt das nicht. Als bekannt wurde, dass die neutralisierten Reste der syrischen Kampfmittel hier verbrannt werden sollen, gab es zwar Bürgergespräche, aber kaum kritische Stimmen, sagt Andreas Krüger, Technischer Vorstand der Geka. In der Munsteraner Bevölkerung gilt seine Organisation, obwohl sie täglich mit giftigen Substanzen hantiert, als Lösung und nicht als Problem: Denn die Geka ist seit ihrer Gründung damit beschäftigt, das eigene Gelände zu reinigen. Im Ersten Weltkrieg standen hier Versuchs- und Produktionsanlagen für chemische Kampfstoffe. Bei einem Explosionsunglück im Oktober 1919 wurde das gesamte Terrain weitläufig vergiftet. Obwohl im Zweiten Weltkrieg keine chemischen Kampfstoffe zum Einsatz kamen, hinterließ dieser Krieg seine Spuren. Eine weitere Explosion kontaminierte das Gelände erneut.

Als die Bundeswehr Mitte der fünfziger Jahre den Truppenübungsplatz übernahm, startete sie eine kontrollierte Aufarbeitung der Hinterlassenschaften aus beiden Weltkriegen – eine Aufgabe, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist.