Kommentar

In seiner eigenen Welt

Clemens Wergin über die Pressekonferenz von Wladimir Putin

Es war eine seltsame Pressekonferenz, die Wladimir Putin gegeben hat. Es war das erste Mal seit Ausbruch der Krim-Krise, dass Russlands Präsident sich den Fragen der Medien stellte. Und es wirkte wie eine improvisierte Vorstellung, die Putins Zorn verriet genauso wie seine Unsicherheit. Er hat noch einmal die ganze russische Propagandaerzählung dargelegt über die Situation in der Ukraine: Die Proeuropa-Demonstranten seien alles Rechtsradikale und Antisemiten. Der Aufstand sei aus Amerika ferngesteuert, wo sie sich solche Experimente ausdenken wie für Laborratten. Die Scharfschützen, die Dutzende Demonstranten auf dem Maidan umgebracht haben, hätten nicht auf Befehl des geflohenen Präsidenten Viktor Janukowitsch gehandelt, sondern es wären Provokateure der Opposition gewesen. Eine Militärintervention auf der Krim halte er derzeit nicht für notwendig, sagte Putin. Ganz so, als hätte sein Militär dort nicht längst die Kontrolle übernommen.

Das Positivste, was man über Putins Auftritt sagen kann, ist, dass der internationale Druck und die Kritik, die er sich seit Tagen am Telefon anhören muss, nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind. Das war nicht der aalglatte, unterkühlte und kontrollierte Putin, der mit zynischem Lächeln eine Fragestunde beherrscht. Er wirkte einerseits wütend, andererseits nervös und konfus. Es war kaum anzunehmen, dass Putin plötzlich ausbrechen würde aus der virtuellen Realität, die sein Regime der eigenen Bevölkerung, den russischsprachigen Ukrainern und dem Rest der Welt seit Ausbruch der Krise vorzugaukeln versucht. Aber je länger die russischen Einschüchterungsversuche auf der Krim weitergehen, je mehr Berichte es gibt von Russen, die aus Russland in die östlichen Gebiete der Ukraine gebracht werden, um dort für Unruhe zu sorgen, desto unhaltbarer wird diese russische Erzählung.

Manche Beobachter sehen Putins Auftritt als Beleg dafür, dass Angela Merkel recht hatte, als sie gegenüber US-Präsident Barack Obama sagte, Putin habe die Bindung zur Realität verloren. Tatsächlich wirkte er wie eingesponnen in seine eigene Welt. Und das war das eigentlich Beunruhigende am Auftritt eines Mannes, der Entscheidungen über Krieg oder Frieden fällt. Er vermittelte den Eindruck eines Politikers, der angefangen hat, an die eigenen Lügen zu glauben.