Venezuela

Der Schatten des sozialistischen Übervaters

Ein Jahr nach dem Tod von Hugo Chávez steht sein Nachfolger schwer unter Druck

„Hugo Chávez lebt und die Schlacht geht weiter“ steht auf dem riesigen Plakat mitten in Caracas. Auch ein Jahr nach seinem Tod ist der sozialistische Revolutionsführer in der venezolanischen Hauptstadt und im ganzen Land allgegenwärtig. Chávez gibt es als Häuserwandgraffiti, als Plakatausgabe oder als goldene Skulptur zum Mitnehmen im Souvenirladen am Flughafen. Und das ist das Problem seines Nachfolgers Nicolás Maduro, dem es auch nach zwölf Monaten noch nicht gelungen ist, aus dem Schatten des sozialistischen Übervaters herauszutreten. Er versucht es auch nicht einmal.

Nahezu täglich erinnert der schnauzbärtige Hüne an die Zeit des „Comandante“, mal übernachtet er in der Nähe des Sarges von Chávez, mal hört er seinen Vorgänger als Vögelchen zwitschern. Das verschafft dem ehemaligen Busfahrer nicht gerade die Autorität, um Venezuela aus der schweren Krise zu führen.

„Die Leute gehen auf die Straße, weil sie von diesem aus Kuba ferngesteuerten Castro-Chávez-Regime die Nase voll haben“, sagt Maria Corina Machado, die Galionsfigur der Protestbewegung. „Die Läden sind leer, die Inflation trifft vor allem die ärmsten Teile der Bevölkerung und die Gewalt auf der Straße ist unerträglich geworden.“ Sie hat bereits einen Attentatsversuch überlebt. „Venezuela hat keine funktionierenden unabhängigen Institutionen mehr, deswegen ist es eine Diktatur“, sagt Machado. Chávez-Nachfolger Maduro versucht die Proteststimmung im Land mit staatlich angeordnetem Extra-Urlaub zu bekämpfen. Die Menschen sollen die Karnevals-Feierlichkeiten genießen. Doch trotz Sonderurlaub sind es in diesen Tagen wieder Zehntausende, die trotz Verhaftungswelle und brutalem Vorgehen der Polizei gegen die Zensur, Lebensmittelknappheit und die Kriminalität demonstrieren.

Angefangen hat der Protest vor zwei Wochen in der Provinz Tachira. Dort wurde eine Frau Opfer eines Vergewaltigungsversuchs. Danach gingen die Studenten auf die Straße, um gegen die Probleme des Landes zu demonstrieren. Mittlerweile ist daraus eine Protestbewegung angewachsen, die vor allem Schüler und Studenten auf die Straße treibt und die sich von der Revolution des Hugo Chávez distanziert.

Venezuelas Jugend findet es cool dabei zu sein, es denen da oben zu zeigen. „Wir haben keine Angst mehr“, rufen sie in Sprechchören. Sie spüren, die Stimmung ist revolutionär, nur dass sie diesmal nicht von links kommt, sondern aus der Mitte der Gesellschaft.

Der Protest der Jungen steckt an: Plötzlich kommt auch die Großmutter mit. Familien sitzen in den Autos und lassen ihre Söhne und Töchter nicht allein. Sie malen sich die Gesichter an und schwenken die venezolanische Flagge.

Doch abends, wenn sich die Demonstranten zurückziehen, weil es in Caracas nach Sonnenuntergang lebensgefährlich ist, kommen regierungsnahe motorisierte paramilitärische Banden in die Viertel der Opposition. Sie schießen auf Wohnhäuser, in denen sie Anhänger der Protestbewegung vermuten. Tamara Suju, Rechtsanwältin von der Nichtregierungsorganisation Foro Penal Venezolana betreut inhaftierte Studenten. Sie macht sich angesichts der Toten große Sorgen: „Im Moment ist es ein Duell der Gewehrkugeln gegen Steine. Aber was ist, wenn die, die nur Steine haben, irgendwann auch einmal zurückschießen. Dann sind wir mitten in einem Bürgerkrieg.“ Bisher gab es 18 Tote.