Gewalt

Wenn der Partner zuschlägt

Eine Studie zeigt: In Deutschland sind Frauen vor allem von psychischer Gewalt und Stalking betroffen

Eine unangenehme Berührung, körperliche Gewalt oder der offene Zwang zu sexuellen Handlungen: Gewalt gegen Frauen kann sich in den unterschiedlichsten Formen äußern. „Ist Ihnen davon etwas in den vergangenen zwölf Monaten widerfahren?“ Insgesamt 42.000 Frauen in den 28-EU-Mitgliedsländern haben diese Fragen beantwortet. Und bei der Auswertung der Ergebnisse zeigt sich: Gewalt gegen Frauen ist in Europa weiter verbreitet als bisher angenommen – und die Dunkelziffer hoch. Jede zehnte Frau zwischen 18 und 74 Jahren hat demnach seit ihrem 15. Lebensjahr sexuelle Gewalt erfahren, jede zwanzigste wurde vergewaltigt. Zu diesem Schluss kommt eine an diesem Mittwoch veröffentlichte Studie der Europäischen Grundrechteagentur (FRA), die ihren Hauptsitz in Wien hat.

Vom Partner geschlagen

Erschreckend ist dabei vor allem die Häufigkeit von Gewalt in der Partnerschaft, mehr als jede fünfte Befragte wurde schon einmal Opfer innerhalb ihrer Beziehung. Vergewaltigung in der Ehe ist für viele Frauen in Europa offenbar eine bittere Realität: Ein Drittel der Befragten gab an, schon mehr als sechsmal von ihrem Partner missbraucht worden zu sein. Dennoch meldeten nur 13 Prozent der Frauen ihre schwerwiegendste Misshandlung im Rahmen einer Beziehung. „Die Zahlen sind absolut alarmierend“, sagt Joanna Goodey, eine der Autorinnen der Studie. „Schließlich wurden sie in Europa erhoben, das sich allgemein für ziemlich fortschrittlich hält.“ Es sei höchste Zeit, dass die politische Ebene aktiv werde. „Um wirkungsvoll auf Missbrauch in Beziehungen zu reagieren, muss der Staat Gewalt in der Partnerschaft als eine öffentliche und nicht als eine private Angelegenheit behandeln“, so Goodey. Ein erster, wichtiger Schritt sei die Verabschiedung von Rechtsnormen wie der Istanbuler Konvention für besseren Opferschutz. „Dazu konnten sich bisher gerade einmal drei EU-Staaten durchringen.“

Im europaweiten Vergleich der Ergebnisse fällt auf, dass Frauen in Deutschland überdurchschnittlich häufig Opfer von Stalking (bis zu 29 Prozent der Befragten) durch ehemalige oder aktuelle Partner werden. Trotzdem wenden sich drei von vier Opfern nicht an die Polizei. Jede fünfte Frau, die belästigt wurde, gab an, die unerwünschte Verfolgung habe länger als zwei Jahre angedauert. „Die psychologischen und emotionalen Folgen von Stalking sind dabei gravierend“, sagt Autorin Goodey. 23 Prozent der befragten Frauen erklärten, ihre Email-Adressen und Telefonnummern geändert zu haben, um den Stalkern zu entkommen.

Unter dem unerwünschten Nachstellen durch einen Mann leiden wie in Deutschland vergleichsweise häufig Frauen in Frankreich, den Beneluxstaaten, Dänemark und Finnland. Daher fordert die europäische Grundrechteagentur die Ausweitung der Schutzeinrichtungen für Opfer.

Drastischer sind die Zahlen zum Thema psychische Gewalt in Deutschland. Bis zu 59 Prozent der befragten Frauen leiden unter Misshandlungen wie der Herabsetzung und Demütigung durch den Partner, der Androhung von körperlichen Verletzungen oder dem Verbot, die Wohnung zu verlassen. Ähnlich häufig wie in Deutschland beschweren sich Frauen in den Niederlanden, Schweden, Finnland, Estland und Litauen über psychische Gewalt.

Die Autoren der Studie sagen, dass es in den einzelnen Ländern große kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gewalterfahrungen gibt. „Wo Beziehungsfragen als private Angelegenheit gelten, werden Misshandlungen auch eher vor der Familie und vor allem vor offiziellen Stellen verschwiegen“, so Goodey. Je größer hingegen die Gleichstellung der Geschlechter und je mehr Frauen erwerbstätig seien, desto wahrscheinlicher sei es, dass Frauen Fälle von sexueller Gewalt öffentlich machten. In Deutschland deckten 2012 45 Prozent der Frauen ihren Lebensunterhalt überwiegend durch die eigene Erwerbs- und Berufstätigkeit, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Zudem spielen Trinkgewohnheiten eine Rolle. „Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen starkem Alkoholkonsum des Partners und vermehrter Gewalt gegenüber seiner Frau“, sagt Goodey.