Kommentar

Das Drama der Ukraine

Andrea Seibel über die Auseinandersetzungen in Kiew und die Rolle Europas

Wer weiß, wie es in der Ukraine weitergehen wird, der hebe die Hand. Das Land im Schatten von Putin-Russland erlebt sein zweites politisches Beben nach dem Scheitern der Orangenen Revolution. Revolution reloaded? Dramatisch ist, dass der westliche Teil des Landes seine Freiheit gen Westen sucht und der östliche wohl mehr Richtung Moskau. Von dort wird, auch gerade im Schatten des olympischen Spektakels von Sotschi, Unruhe geschürt, die nun auch Todesopfer in Kauf nimmt, auf beiden Seiten.

Monatelang standen die Protestierer in Eiseskälte auf dem Maidan. Dies auszuhalten verheißt viel Willenskraft. Immer bleibt die Sehnsucht nach anderen Verhältnissen. Doch eine bittere Tatsache auch: Diese Opposition ist unklar in ihren Zielen. Aber man kann eine gewählte Regierung wie die Janukowitschs nicht einfach für illegitim erklären und Neuwahlen verlangen. Erst zeigte sich Janukowitsch konziliant, nun hart, um Angst zu erzeugen und den Widerstand endgültig zu beenden. Ein Held des Rückzugs? Schön wäre es. Es gibt nicht viele Vorbilder in der Welt für einen gelungenen Rückzug solcher Autokraten.

Wird es also Bürgerkrieg geben? Nichts ist auszuschließen, selbst eine Teilung des Landes nicht. Ohne eine in ganz Europa bekannte Figur wie Klitschko wäre alles noch verfahrener. Aber ein Klitschko macht noch keinen Frühling. Der Freiheitsdrang an den Rändern Russlands aber bleibt bemerkenswert. Lassen diese Volksaufstände wirklich die Europäer kalt, die doch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs viele östliche Länder in ihre Institutionen aufnahmen? Eher ist es die Furcht vor einem tiefer gehenden Konflikt mit Putin. Das spürt man auch in Brüssel, wo nicht viel mehr bleibt als diplomatische Intervention und Sanktionsandrohungen. Man weiß zwar, dass die Ukraine Teil Europas ist, aber sie erscheint auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer wie ein Rohling: unfertig in Lebensformen, Wirtschaft und Identität. Wie also kann man diesen Ländern, Russland eingeschlossen, helfen? Alles stärken, was die gemeinsame europäische Kultur ausmacht, die Moral, die Rechtsstaatlichkeit, den Gewaltverzicht.

Nein, die Sympathien der Westeuropäer für die ukrainischen Aufstände sind nicht verbraucht. Sie sind einfach nur verhaltener. Vorbei der Enthusiasmus für die neuen Revolutionen. Der Iran, Russland, Ägypten, Syrien: Es bleiben nur Enttäuschung und Entsetzen. Auch wenn die Europäer auf die Idee kämen, dem Drama der Ukraine den Rücken zu kehren – den Folgen entgehen sie nicht.