Ukraine

„Mein Freund ist tot. Ich bin auch bereit zu sterben“

Demonstranten rüsten weiter auf, Geheimdienst will „Terror“ bekämpfen. Am späten Abend wird ein Waffenstillstand angekündigt

Schwarzer Rauch steigt vom Gewerkschaftshaus auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz auf, das oberste Stockwerk brennt noch. Bis Dienstag stand hier die Zentrale der Opposition. Von hier wurden die Demonstranten in ihren Lagern auf dem Maidan mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt. Jetzt ist hier alles abgebrannt und die Decken drohen einzustürzen. In der Nacht geriet das Haus in Brand, Menschen sprangen aus den Fenstern, um sich zu retten.

Vor dem Gewerkschaftshaus brennen Autoreifen, sie liegen zwischen der Polizei und den Protestlern. Ab und zu explodieren Blendgranaten. Der Hass und der Schock auf beiden Seiten sind jetzt groß wie nie zuvor.

Der ukrainische Geheimdienst SBU kündigt am Mittwoch an, eine „Anti-Terror-Operation“ im ganzen Land zu beginnen. Der Leiter des SBU, Alexander Jakimenko, bezeichnet in einer Erklärung die Zusammenstöße als „Terroranschläge“. „Radikale und extremistische Gruppierungen bedrohen das Leben von Millionen Ukrainern“, lässt Jakimenko mitteilen.

Die Sicherheitsmaßnahmen würden in der ganzen Ukraine verstärkt. An der Operation hätten sich der Geheimdienst, das Innen- und das Verteidigungsministerium sowie die Grenztruppen beteiligt. Der Präsident sei von der Entscheidung unterrichtet. Wann die „Anti-Terror-Operation“ startet, war zunächst unklar, aber die Drohung klang nach einem baldigen Beginn der gewaltsamen Lösung.

Die Zusammenstöße am Dienstag waren die blutigsten seit der Unabhängigkeit der Ukraine. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind dabei 25 Menschen ums Leben gekommen. 241 Verletzte wurden in Krankenhäuser eingeliefert, doch die tatsächliche Anzahl der Verletzten ist deutlich höher. Unter den Todesopfern waren sieben Polizisten und ein Journalist der ukrainischen Zeitung „Westi“, der von Unbekannten aus seinem Auto gezerrt und erschossen wurde. Insgesamt wurden 19 Menschen durch scharfe Munition getötet, sagte eine Sprecherin des Ministeriums am Mittwoch. Scharf geschossen wurde wohl auf beiden Seiten, auch wenn die Polizei das bestreitet.

Swetlana Lisowska hat am Dienstag einen Freund verloren. Er sei erschossen worden, erzählt sie. Jetzt steht die 25-jährige Musikerin und studierte Historikerin in der Ecke, in der Molotow-Cocktails gemischt werden, und dreht Dochte. Andere Frauen füllen Flaschen mit Benzin und Azeton. „Wenn du siehst, wie dein toter Freund an dir vorbeigetragen wird, wird dir klar, dass du auch bereit bist, dein Leben zu opfern“, sagt Lisowska und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Bürgersteige werden zerkleinert

Wegzugehen kommt für sie nicht mehr in Frage. „Ich habe keine Angst, wir haben schon so viel erlebt“, sagt sie. „Wenn wir mit diesem Regime weiter leben, werden wir jede Minute Angst haben.“ Es gehe ihr aber nicht nur um die Rache. Sie sagt, sie kämpfe nicht für den Wohlstand, sondern für Werte, es gehe ihr darum, ob die Ukraine zu Europa oder Asien gehöre. „Hier gibt es keine Gesetze des Verstandes mehr, nur Brutalität“, sagt sie. Die Gewalt war am Dienstag nach einem Marsch der Opposition zum Parlamentsgebäude eskaliert. Im Regierungsviertel flogen wieder Steine und Blendgranaten. Die Zentrale der Regierungspartei „Partei der Regionen“ wurde gestürmt.Am späten Nachmittag begann „Berkut“, die Spezialeinheit der ukrainischen Polizei, die verbarrikadierten Straßen und besetzten Gebäude zu räumen. Am Abend stürmte „Berkut“ den Unabhängigkeitsplatz, konnte die Demonstranten jedoch nicht komplett von dort verdrängen.

Am Mittwoch rüsten sich Protestler für einen möglichen Sturm des Maidan auf, sie befürchten, dass er am Abend oder in der Nacht passieren könnte. Die Reste des Bürgersteigs zerkleinern sie zu Wurfsteinen, sie bereiten neue Molotow-Cocktails vor. Die Straßen rund um den Maidan sind leer, die Läden sind zu, viele Schaufenster mit Sperrholz geschützt.

Die Zugänge von den Seitenstraßen sind verbarrikadiert, doch durch den größten offenen Eingang kommen immer neue Menschen. Viele von ihnen tragen Einkaufstaschen mit Lebensmitteln und Wasser für Demonstranten. Der Verkehr in der Innenstadt ist am Mittwoch eingeschränkt, die U-Bahn steht still. Am Nachmittag versucht ein Redner auf der Bühne, die Spezialeinheit „Berkut“ anzusprechen. „Wir kennen viele von euch, viele sind unsere Freunde“, ruft er zu den Polizisten. „Wir sind ein Volk“. Mehrmals wiederholt er: „Das ist nicht euer Krieg.“

Die Proteste und Auseinandersetzungen mit der Polizei weiten sich währenddessen auf andere Regionen aus. Nach Informationen von lokalen Medien wurden in den Städten Luzk, Wolhynien, Poltawa, Lwiw, Uschgorod und Chmelnyzkyj Regierungsgebäude gestürmt oder besetzt, in Sumy gab es Zusammenstöße mit der Polizei.

Hoffnung gab es am späten Mittwochabend: Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch und die Opposition konnten sich auf eine Aussetzung der gewalttätigen Auseinandersetzungen einigen. Es würden nun Verhandlungen aufgenommen, um das Blutvergießen zu beenden, hieß es auf der Webseite des Präsidenten zu später Stunde. Die Regierungsgegner Arseni Jazenjuk und Vitali Klitschko bestätigten die vereinbarte Waffenruhe nach einem Treffen mit dem Staatschef. Unklar war aber zunächst, ob sich radikale Gruppen auch daran halten würden. Die Opposition um Klitschko und Jazenjuk hat nach Ansicht von Beobachtern keine volle Kontrolle über diese Kräfte. Auf dem Maidan harrten weiter Tausende Demonstranten aus. Ein Ring aus brennenden Barrikaden sollte den Platz gegen mögliche Räumungsversuche sichern.