Kommentar

Genmais ist kein Teufelszeug

Christoph B. Schiltz über Lebensmittel sowie Not und Hunger in Afrika

Seit Jahren drückt sich Europa beim Thema Genmais um notwendige Entscheidungen herum. Allen voran Deutschland: Berlin sagt nicht Nein, Berlin sagt nicht Ja, Berlin enthält sich. Mit Gestaltungswillen und politischer Verantwortung hat dieses Verhalten nichts zu tun. Jedes noch so absonderliche Thema, wie die Pkw-Maut aus Bayern, wird in der großen Koalition so lange hin und her debattiert, bis schließlich ein Kompromiss entsteht. Ausgerechnet bei dem Zukunftsprojekt Genmais ist das nicht möglich. Die Bundesregierung hat die Pflicht, in einer so wichtigen Frage eine gemeinsame Position zu finden. Enthaltung ist die schwächste Form der Mitbestimmung in einer Demokratie.

Letztlich sollte jede Regierung in der EU auf einer rechtssicheren Grundlage allein entscheiden können, ob gentechnisch veränderte Organismen in einem Land angebaut werden dürfen, nachdem zuvor die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit das Produkt für wissenschaftlich unbedenklich erklärt hat. Genau dies aber schlägt die EU-Kommission seit drei Jahren vor – Deutschland verschanzt sich hinter fadenscheinigen handelsrechtlichen Formalismen und enthält sich lieber.

Die Entscheidung über die Zulassung von gentechnisch veränderten Pflanzen ist am Ende eine Güterabwägung. Richtig ist vermutlich, dass Genpflanzen viele Insektenarten gefährden. Richtig ist auch, dass die Mehrheit der deutschen Verbraucher(noch) gegen veränderte Organismen ist. Aus Sicht der Entwicklungsländer sind das Luxusprobleme. Es gibt keinen Grund, warum man in heißen Gebieten, wo Armut herrscht, nicht Hühner ohne Federn züchten oder gegen Hitze besonders widerstandsfähige gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen sollte. Genmais ist kein Teufelszeug. Wer das behauptet, weiß nicht, was Not und Hunger bedeuten.

Langfristig wird auch in Deutschland kein Weg am Genmais vorbeiführen. Das ist gut so. Mais wird als Einnahmequelle für die Bauern immer lukrativer. Sie müssen wettbewerbsfähig bleiben, und der Verbraucher will, dass Produkte mit Mais oder aus Mais möglichst billig sind. Kurzum, die ökonomischen Realitäten erfordern Maissorten, die robust und wenig anfällig sind für Schädlinge. Am Ende wird sich der Markt durchsetzen.