Ägypten

Der gefühlte Präsident

Ob Abdel Fattah al-Sisi zur Wahl antritt, sagt er noch nicht. Ägypten feiert ihn aber schon

Wer in den vergangenen Wochen durch Ägypten fuhr, konnte sich ein Bild von der Verehrung machen, die viele Menschen für den neuen, starken Mann im Land verspüren. Meterhohe Banner mit dem Konterfei von Abdel Fattah al-Sisi hängen von Häuserfassaden oder spannen sich längs über Straßen. Mal mit und mal ohne seine große schwarze Sonnenbrille. Man ist gar nicht erst bemüht, auf politische Symbolik zu verzichten.

Auf einigen Postern wird al-Sisis Gesicht eingerahmt von den ehemaligen Präsidenten Gamal Abdel Nasser und Anwar al-Sadat. Husni Mubarak, der 30 Jahre lang das Land regiert hat, fehlt auf all diesen Plakaten und Postern. Alternativ wird al-Sisi auf den Bildern auch von einem Adler oder einem Löwen flankiert, um seine Stärke zu unterstreichen.

Abdel Fattah al-Sisi war es, der als Verteidigungsminister und Armeechef Anfang Juli 2013 Mohammed Mursi entmachtete. Seither hat sich ein regelrechter Personenkult um den 59-Jährigen entwickelt, der offiziell die Macht an eine Übergangsregierung abgab, wohl aber im Hintergrund weiter über alle Entscheidungen wacht. Auf Facebook wurde eine Kampagne gestartet, um Unterschriften für eine Kandidatur al-Sisis zu sammeln. Es sollen 20 Millionen Menschen unterzeichnet haben. Ägypten ist im Al-Sisi-Fieber, und niemand glaubt wirklich daran, dass es neben ihm einen Zweiten geben kann, der eine wahre Chance auf das Präsidentenamt hat. Mit seinen emotionalen und oft auch sentimentalen Ansprachen an das ägyptische Volk – die er meist in der ägyptischen Umgangssprache und nicht auf Hocharabisch hält – hat al-Sisi das Herz des Volkes im Sturm erobert.

Abdel Fattah al-Sisi entstammt einer Händlerfamilie aus dem Basar von Chan Chalili, dem Herzen des alten Kairo. Er besuchte die Militärakademie und machte zunächst Karriere in der Infanterie. Nach dem Sturz des Langzeitpräsidenten Husni Mubarak rückte er 2011 an die Spitze des Militärgeheimdiensts. Auch gehörte er dem Oberkommando der Streitkräfte an, das unter dem Namen Oberster Militärrat (SCAF) nach dem Abgang Mubaraks die Macht im Lande übernahm.

Im August 2012 ernannte ihn der Islamist Mohammed Mursi, der erste frei gewählte Präsident, zum Verteidigungsminister und Oberkommandierenden der Streitkräfte. Nach seiner Ernennung zum Verteidigungsminister kamen Gerüchte auf, al-Sisi habe Verbindungen zu den Muslimbrüdern oder stehe ihnen zumindest positiv gegenüber. Dies sei auch der Grund für seine Ernennung gewesen. Diese Gerüchte entbehren jedoch jeder Grundlage. Vor allem, weil es schwer vorstellbar ist, dass ein Militärkarrierist wie al-Sisi, der es in die höchsten Ränge des Militärs geschafft hat, einer in Ägypten jahrzehntelang verbotenen Organisation angehören könnte oder ihr nahestünde. Trotz seines harten Vorgehens gegen die Muslimbrüder gilt al-Sisi als fromm, seine Frau soll den Gesichtsschleier tragen. Als der Unmut in der Bevölkerung über Mursis autokratischen Regierungsstil immer größer wurde, zögerte al-Sisi nicht lange und stellte Mursi ein Rücktrittsultimatum. Dieser ging darauf nicht ein. Drei Tage später wurde er von der Armee entmachtet und inhaftiert.

Trotz der fast unlösbaren Aufgaben würde wohl ein Traum für Abdel Fattah al-Sisi mit der Präsidentschaft in Erfüllung gehen. Vor einiger Zeit wurden Audioaufnahmen publik, in denen al-Sisi in einem Privatgespräch einem ägyptischen Journalisten erzählte, dass er schon vor 30 Jahren geträumt habe, dass er dazu bestimmt sei, Präsident Ägyptens zu werden. Im ersten Traum habe al-Sadat ihm gesagt, dass er eines Tages Präsident würde, und in einem weiteren hätte eine Stimme ihm gesagt, dass er etwas gewährt bekomme, das noch niemand vor ihm hatte. Der Termin für die Präsidentenwahl ist zwar noch unklar – sie soll 30 bis 90 Tage nach Verabschiedung der neuen Verfassung stattfinden. Demnach müsste der Wahltermin zwischen dem 17. Februar und dem 18. April liegen. Doch der Name des neuen Präsidenten steht so gut wie fest. Daran zweifelt wohl niemand mehr in Ägypten. Al-Sisi selbst wohl auch nicht.