Empfang

„Wir vertrauen Erdogan und Gott“

Der türkische Ministerpräsident macht im Tempdrom Wahlkampf bei seinen Landsleuten und appelliert an ihren Nationalstolz

Für die türkische Presse wird die Gitter-Absperrung rasch zur Seite gehoben, die deutschen Journalisten müssen noch eine Weile in der Kälte warten, ehe sie von schwarz gekleideten Männern mit Headsets kurz vor halb sieben am Abend in die Halle gewunken werden. Das Berliner Tempodrom ist besetzt bis auf den letzten 3000. Platz, Männer schwenken rote Fahnen mit Halbmond und tragen Transparente mit der türkischen Aufschrift „Wir vertrauen auf Gott und auf Erdogan” und sogar „Wir sterben für Dich, Erdogan!“ Und als um sieben Uhr immer noch niemand auf der Bühne erscheint, fangen sie an zu skandieren. „Wanke nicht, die türkische Nation steht hinter Dir! Re-cep Tay-yip Er-do-gan!“

Wie auf einem Popkonzert

Es ist eine Stimmung wie auf einem Pop-Konzert. „Berlin trifft den großen Meister“, so hatte der Veranstalter das Großereignis genannt, den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogans, der im Tempodrom zu seinen Landsleuten in der Diaspora sprechen will. Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) hat Erdogans Besuch koordiniert, ein Lobbyverein seiner islamisch-konservativen AK-Partei. Es geht darum, unter Einwanderern um Stimmen zu werben. „Seid Ihr bereit für den Führer?“ fragt der Einheizer nun und ruft noch dreimal seinen Namen, ehe Erdogan die Bühne betritt. Erstaunlich klein und grau sieht er aus. Aber er winkt in die Menge wie ein König. An seiner Seite seine Ehefrau Emine mit beigen Kopftuch. Die Menge johlt und für die nächsten Minuten ist nichts mehr zu hören außer dem Namen Erdogans.

Der stellvertretende türkische Ministerpräsident Emrullah Isler betritt die Bühne. Isler ist Vorsitzender des Amtes für Auslandstürken, das es seit 2010 in Ankara gibt. Die Behörde ist verantwortlich für rund sechs Millionen Türken in aller Welt. Etwa drei Millionen Türkeistämmige leben in Deutschland und rund 1,5 Millionen von ihnen besitzen den türkischen Pass und sind somit in ihrem Heimatland wahlberechtigt. Bislang mussten die Auslandstürken in die Türkei reisen, um ihre Stimme abzugeben. In diesem Jahr werden erstmals Urnen in der türkischen Botschaft und in den deutschen Konsulaten stehen. Am 30. März stehen in der Türkei Kommunalwahlen an, denen die Regierung nationale Bedeutung beimisst. Fällt Istanbul aufgrund der Protestbewegung im vergangenen Sommer und nach dem Korruptionsskandal, dann wankt vielleicht auch die Macht der AKP. Wahlforscher sehen die Regierungspartei bei nur noch 36 statt 50 Prozent. Im August dann stehen in der Türkei die Präsidentschaftswahlen an. Erdogan hat zwar noch nicht offiziell seine Kandidatur angekündigt, doch gilt als bekannt, dass er mit dem Amt liebäugelt. Denn zum vierten Mal als Ministerpräsident kandidieren kann er nicht.

Erdogan betritt die Bühne und badet im Applaus. Er bedankt sich als zuerst bei Angela Merkel für ihre Gastfreundschaft. Von der Bundeskanzlerin sei er gebeten worden, ihre herzlichen Grüße an die türkischen Landsleute zu übermitteln! Die Zuhörer bleiben leise. „Aber der größte Dank gilt Euch allen!“, sagt Erdogan nun. „Möge Eure Zuneigung zu Eurem Heimatland ewig währen! Die Türkei ist in sicheren Händen. Seid Euch gewiss, dass Ihr stolz sein könnt. Stolz in Deutschland zu leben, aber auch stolz darauf, der Türkei anzugehören.” Die Menge ist ein einziges Fahnenmeer, der Saal wird von „Türkiye Türkiye“- Rufen erfüllt.

Lob seiner eigenen Erfolge

Trotz des Jubels ist spürbar, dass sich Erdogan vorsichtiger gibt als bei früheren Deutschland-Besuchen. Er versucht offensiv zu erklären, dass ein Komplott gegen ihn im Gange ist. Zwar nennt er keine Namen – aber gemeint ist der Prediger Fethullah Gülen, der laut Erdogan aus dem Exil in den USA heraus mit seinem mächtigen Netzwerk die türkische Regierung stürzen will. Doch beweisen kann er bislang nichts. Er lobt seine politischen Erfolge. Das Kopftuchverbot für Frauen an Universitäten habe er aufgehoben und so für sozialen Frieden gesorgt! Die Schulpflicht für Kinder habe er auf zwölf Jahre erhöht. Koranunterricht können Schüler nun wählen. Zum Schluss seiner einstündigen Rede kommt Erdogan noch einmal auf Deutschland zu sprechen. „Eine Bitte. Ihr sollt Euch nicht gegen die Integration stellen. Ein Garant für Integration sollt Ihr sein. Und Eure Gebete werden von Euren Herzen, zu Euren Händen, zum Himmel aufsteigen.”