Religion

Die Erdogan-Gegner aus Spandau

Das Netzwerk des mächtigen Predigers Fethullah Gülen reicht bis nach Berlin

Wer auf das Gelände des türkischen Privatgymnasiums in Spandau will, muss durch ein Eisentor fahren, vorbei an einem Wachmann. Der Fotograf parkt, nimmt die Kamera und knipst drei Mal das Schulgebäude. Da hält eine schwarze Limousine vor ihm. Ein Mann steigt aus und bittet, das Areal unverzüglich zu verlassen. Freundlich, aber unmissverständlich macht er klar, dass der Fotograf mit einer Klage wegen Hausfriedensbruchs zu rechnen habe, wenn er eines der Fotos verwende. Drei weitere Männer beobachten, wie er das Gelände verlässt.

Vertrauenerweckend ist das gerade nicht. Der Betreiber der Schule ist das türkisch-deutsche Institut Tüdesb – und hinter diesem wiederum steht die Bewegung um den türkischen Prediger Fethullah Gülen. Seit einigen Wochen sorgt Gülen weltweit für Aufmerksamkeit. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist in einen Korruptionsskandal verwickelt und beschuldigt Gülen, ihn stürzen zu wollen. Einst waren die beiden Weggefährten, die einen politischen Islam vertraten. Heute sind sie erbitterte Kontrahenten. Mehr als 6000 Polizisten und Staatsanwälte hat Erdogan entlassen oder versetzt – sie alle waren angeblich Anhänger des Gülen-Netzwerks.

Die mächtige Bewegung betreibt die größte türkische Zeitung „Zaman“, Universitäten, Versicherungen und besitzt sogar eine Bank. Gülen ist weltweit aktiv. In Deutschland finanziert die Bewegung etwa 50 Privatschulen, betreibt aber auch rund 300 fragwürdige „Lichthäuser“, Wohngemeinschaften für muslimische Studenten, die einst die türkische Elite bilden sollen. Hinzu kommen 15 Stiftungen, die gesellschaftlich aktiv sind und Kontakte zu Kirchen, Wissenschaftlern und vor allem Politikern knüpfen.

Für ihre Kritiker ist die Gülen-Bewegung eine Sekte, die eine islamistische Agenda vertritt. Für wohlwollende Beobachter ermöglicht Fethullah Gülen die Integration von vielen türkischstämmigen Zuwanderern. Und für seine Anhänger – weltweit sind es etwa zehn Millionen–ist der in den USA im Exil lebende 72-Jährige ein Heilsbringer, ein Messias, ein „Gandhi des Islams“, der Toleranz und Nächstenliebe predigt und für den Weltfrieden eintritt.

Seine Bewegung sammelt Spenden von mittelständischen Unternehmen aus Anatolien und türkischen Großfirmen. Aus diesem Topf werden begabte türkischstämmige Kinder auf der ganzen Welt gefördert. Meist kommen sie aus Familien, die sich eine Privatschule nicht leisten können. Wer bei der Ausbildung seiner Kinder auf Unterstützung des Netzwerks hofft, wird so früh wie möglich Mitglied bei einem der Fördervereine.

Bei Tüdesb zum Beispiel: Tüdesb wirbt damit, sich ganz normal für Bildung einzusetzen – mit vier Berliner Kindertagesstätten, sechs Nachhilfezentren und vier Schulen fast ausschließlich für Kinder türkischer Einwanderer. Gerade hat Tüdesb das 84.000-Quadratmeter-Gelände in Spandau gekauft, ein ehemaliges Kasernenlager, auf dem sich einst das Gefängnis befand, in dem sich der Nazi Rudolf Hess erhängte. Tüdesb will einen riesigen Campus mit Schulen und Kindergärten eröffnen. Eine Besichtigung des Gymnasiums lehnt der Vereinsvorstand ab. „Wir haben schon so mit vielen Vorurteilen zu kämpfen“, schreibt der Sekretär, von daher wolle man sich in die politische Diskussion über die „sogenannte Gülen-Bewegung“ nicht einmischen.

Das Gymnasium in Spandau erfreut sich großer Beliebtheit bei türkischen Mittelstandsfamilien, deren Kinder sich auf den staatlichen Schulen oft benachteiligt fühlen. 180 Schüler werden hier unterrichtet–beinahe noch einmal so viele musste die Schule im vergangenen Jahr aus Kapazitätsgründen ablehnen. Unterrichtssprache ist Deutsch, die erste Fremdsprache ist Englisch, dann stehen Türkisch und Französisch zur Wahl. Die Schule gilt als religionsfreie Zone. Unterrichtet wird nicht Religion, sondern Ethik.

In den Schulen rekrutiert die Bewegung ihren Nachwuchs. Der religiöse Kern aber, so sagt es Gülen, seien nicht die Schulen, sondern die Wohngemeinschaften der muslimischen Studenten. Der Prediger nennt sie „Lichthäuser“, Licht als Metapher für die Anwesenheit Gottes.

„In ,Lichthäusern‘ und internen Kreisen der Gülen-Bewegung gibt es eine ganz klare Vision einer muslimischen, streng konservativen Gesellschaft, eine Ablehnung individueller Lebensentwürfe und die Forderung nach unbedingtem Gehorsam“, sagt Friedmann Eißler, Islamwissenschaftler und Theologe bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. „Es gibt eine große Intransparenz, die Aktivisten der Bewegung stehen nicht zu ihren Inhalten. Das stört mich.“

In Deutschland gibt es bislang nur wenig Kritik an der Gülen-Gemeinde. Kein Politiker will sich zu dem Thema äußern. Die Staatsministerin für Integration, Aydan Özoguz (SPD), lehnt eine Stellungnahme ebenso ab wie die Integrationsministerin von Baden-Württemberg Bilkay Öney (ebenfalls SPD). Auch der Vorsitzende des Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), will sich nicht äußern, genauso wenig wie der Berliner Integrationsexperte Özcan Mutlu (Grüne). Es hagelte Absagen. „Aus zeitlichen Gründen“, weil „keine Erkenntnisse“ vorlägen, hieß es.

Ercan Karakoyun ist das deutsche Gesicht der Bewegung. Als Vorsitzender der Gülen-Stiftung Forum für Interkulturellen Dialog (FID) gelang es ihm, namhafte Deutsche im Beirat zu positionieren – die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth etwa oder den Rabbiner Walter Homolka, Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs. Das FID ist das größte von 15 Dialogzentren der Gülen-Bewegung in Deutschland, die Namen haben wie „Hanseforum“ oder „Süddialog“. Gerade baut Karakoyun eine neue Stiftung auf: „Dialog und Bildung“, mit repräsentativem Sitz nahe dem Berliner Gendarmenmarkt.

Er ist ein zunächst fast schüchtern wirkender, höflicher Mann. Am Abend vor dem Treffen hatte er noch angerufen und um Verständnis gebeten, dass eine Mitarbeiterin der PR-Agentur Burson-Marsteller dabei sein wird. Die US-Firma ist auf Krisenmanagement spezialisiert und beriet etwa McDonald’s nach dem Ausbruch der ersten BSE-Fälle.

Karakoyun sagt: „Wir wollen die Idee der ,Hizmet‘ in Deutschland verständlich machen. Wir sind inspiriert von der Idee Fethullah Gülens, der vom Dialog spricht und schon den Papst besucht hat. Gülen sagt, die Demokratie sei das beste System, das wir bekommen können. Er sagt, Islam und Demokratie, ja, das gehe zusammen. Er sagt, ja, Frauen sollen in allen Positionen eine Rolle spielen und Männer im Haushalt helfen.“ Die Botschaft der Hizmet-Anhänger in Deutschland sei, dass sie dem Land etwas zurückgeben wollten, in das ihre Eltern als Gastarbeiter kamen.

„Es gibt meiner Meinung nach auf lange Sicht die Gefahr, dass sich eine Elite bildet, die nicht kompatibel mit unseren Werten ist“, sagt Gülen-Experte Eißler. „Demokratie ist nach Ansicht der Gülen-Bewegung okay, aber sie ist entwicklungsbedürftig.“ Sie sei ein menschengemachtes System, das noch zusätzlich religiöse Werte brauche. „Da sage ich, Moment mal, darüber brauchen wir eine öffentliche Debatte, die findet nicht statt. Deshalb empfinde ich es auch als Problem, dass unsere politische Prominenz sich teilweise arglos einspannen lässt.“