Wohndebate

Thierse wehrt sich gegen Verdrängung durch Reiche

Ex-Bundestagsvize bei „Beckmann“ über steigende Mieten und Gentrifizierung in Berlin

Mehr als ein Jahr hat sich Ex-Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse Zeit gelassen. Am Donnerstagabend, als Talkgast bei „Beckmann“ in der ARD, war es dann so weit. „Fehlender Wohnraum, steigende Mieten – Wird Wohnen zum Luxus?“ hieß das Thema der Runde.

Hier ging der SPD-Politiker zum ersten Mal ausführlich im deutschen Fernsehen auf die deutschlandweit geführte Debatte über die Gentrifizierung ganzer Stadtviertel ein, die er mit dem Morgenpost-Interview ausgelöst hatte, in dem er sich ein paar spitze Bemerkungen über zugereiste Schwaben in Prenzlauer Berg erlaubt hatte. Tatsächlich hat Thierse nach der Wiedervereinigung die Folgen der Veränderung seines Stadtviertels aus einer „Gegend des Verfalls“ zur Spitzenlage erlebt, und mehr als das: Auch seine Vermieterin versuchte immer wieder, ihn aus seiner Wohnung zu klagen, wie er nun im TV berichtete. „Mir wurde zweimal fristlos gekündigt, aber das war so unsinnig. Da wurden mir Vorwürfe gemacht, ich hätte eine Untermieterin. Dabei war das die Schwester meiner Frau, die im Ausland arbeitete und eine Postadresse brauchte in Berlin.“ „Das war reine Schikane“, berichtete Thierse dem Moderator Reinhold Beckmann.

Nachgegeben habe er aber nicht, ebenso wenig wie die anderen Mieter des Altbaus am Kollwitzplatz. „Wir halten uns an Recht und Gesetz, und das muss auch für eine Vermieterin gelten.“ Natürlich hätte diese die Wohnungen, wenn sie denn leer gewesen wären, „für ein Vielfaches“ verkaufen können angesichts des Ansturms auf den Kollwitzplatz. „Dadurch, dass eine ganze Reihe von Leuten, wir kannten uns alle, dort wohnen blieben, ist diese wunderbare Idee der Eigentümerin verdorben worden. Ich verstehe den Ärger. Aber ich muss ihm ja nicht nachgehen.“ Das klang wie eine Handlungsempfehlung für all jene Berliner, die derzeit ähnliche Probleme haben. „Ich glaube, dass man sich wehren kann und auch wehren muss. Selbst ich, der die Gesetze ein bisschen kennt, gehe im konkreten Fall natürlich zum Mieterverein.“ Verbote von Luxussanierungen und das Erschweren von Umwandlungen in Eigentumswohnungen seien notwendige Instrumente der Politik, so Thierse, um soziale Selektion und Verdrängung durch Reichere – für die die Schwaben Anfang 2013 zum Sinnbild wurden – zu behindern. Da aber widersprach Carsten Brückner, Vorsitzender von Haus & Grund Berlin: „Diese Regulierungspolitik tötet den privaten Eigentümer.“ Man dürfe das Immobiliengeschäft nicht den ausländischen Großinvestoren und staatlichen Gesellschaften überlassen.