Verdrängung

Olympische Spiele: Homosexuelle? Gibt’s hier nicht

Bürgermeister von Sotschi ignoriert Schwulen-Szene

Der Bürgermeister von Sotschi scheint sich in seinem Herrschaftsgebiet hervorragend auszukennen. Deswegen kann Anatoli Pachomow auch voller Überzeugung verkünden, seine rund 350.000 Einwohner seien durch die Bank heterosexuell. „Hier gibt es keine Schwulen“, sagte der russische Politiker im Gespräch mit dem englischen Sender BBC. Verdrängung scheint in Sotschi 99. olympische Disziplin zu sein.

Vielleicht sollte Pachomow mal an der Promenade seiner Schwarzmeerstadt entlangspazieren. Vorbei am Hafen, Richtung Südosten und dann nach einem halben Kilometer links abbiegen. Auf der Sokolowa, einer kleinen Nebenstraße, könnte der Bürgermeister bei Hausnummer 1 klopfen, direkt neben dem neuen „Hyatt“-Hotel. Hinter der unscheinbaren Tür ohne Schild oder Werbung verbirgt sich der Klub „Mayak“, eine Travestiebar und der Anlaufpunkt für die Schwulen seiner Stadt.

Pachomow würde jedoch ohnehin nicht eingelassen, und offenbar interessiert es ihn ja auch nicht, dass seine Stadt „noch viel homosexueller als Moskau“ ist, wie es der Teenager Wladislaw Slawsky sagte. Immerhin versicherte Pachomow im BBC-Interview weltoffen, dass die Gastfreundlichkeit in Sotschi für jeden gelte, „der die Gesetze Russlands respektiert und seine Gewohnheiten anderen nicht aufzwingt“. Es gebe kein Verbot für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen, sondern für die „Propaganda“ von Homosexualität und Pädophilie – Begriffe, die in Russland häufig synonym verwendet werden.

In Russland gilt nach Dekret des Präsidenten Wladimir Putin seit Juni 2013 ein Gesetz, das Propaganda homosexueller Menschen in Anwesenheit Minderjähriger unter Strafe stellt. Demnach könnten gar Gefängnisstrafen drohen, sollte man sich positiv über Homosexualität äußern.

Putin selbst hatte erst vor Kurzem geäußert, dass Homosexuelle, die während der Olympischen Spiele zu Gast in Sotschi seien, sich entspannen könnten. Aber sie sollten doch bitte „die Kinder in Ruhe lassen“. Pachomows Verdrängungsmechanismus ist in seiner Ignoranz allerdings noch nicht einmal einzigartig. Auch der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hatte vor einigen Jahren behauptet, dass in dem vorderasiatischen Land keine Schwulen und Lesben leben würden.