Demonstration

Keine Ruhe vor dem Sturm

Die Fronten in der Ukraine sind verhärtet. Ein Ultimatum soll Janukowitsch zum Einlenken bewegen. Der spielt aber auf Zeit

Der Kiewer Maidan rüstet zum Kampf gegen die Staatsmacht. Am Vorabend und in der Nacht entstanden auf dem zentralen Platz der ukrainischen Hauptstadt weitere Barrikaden. Autoreifen, Stacheldraht, Säcke mit Schnee wurden aufgetürmt – das soll den Unabhängigkeitsplatz vor einem möglichen Sturm durch die Polizei schützen, der immer noch befürchtet wird. Vor Barrikaden schlagen Männer mit Spitzhacken und Hämmern auf das Kopfsteinpflaster, Frauen sammeln Steine in Säcke.

„Wir werden uns verteidigen, wir haben keinen Ausweg mehr“, sagte Roman, einer der Männer mit den Hämmern. „Wegen der neuen Gesetzten sind wir alle zu Verbrechern geworden.“ Der 35-jährige Ingenieur ist aus der Stadt Iwano-Frankiwsk im Westen der Ukraine nach Kiew gekommen. Wie alle auf dem Maidan wartet er nun darauf, was am Donnerstagabend passiert, wenn die Verhandlungen zwischen der Opposition und dem ukrainischen Präsidenten zu Ende gehen. „Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten, entweder hier weiter rumzutanzen oder Regierungsgebäude zu stürmen“, sagt Roman. „Die Zeit der Demagogie ist vorbei.“

Eine Chance für Frieden

Die Gespräche zwischen der Opposition und dem Präsidenten Viktor Janukowitsch begannen um 13 Uhr Ortszeit und dauerten bis in den späten Abend an. Oppositionsvertreter äußerten danach in einer ersten Stellungnahme überraschend neue Zuversicht für ein Ende der Gewalt: Es gebe nun eine „große Chance“, die Krise ohne weiteres Blutvergießen zu beenden, sagte Arseni Jazenjuk von der Partei Vaterland.

Der Präsident hatte die Opposition zuvor zur Kompromissbereitschaft aufgerufen. Die Regierungsgegner müssten eine konstruktive Position einnehmen, sagte er der Agentur Interfax. „Die Führung tut alles, um Frieden und Stabilität in der Ukraine zu gewährleisten“, so der Staatschef. Angesichts der tödlichen Straßenschlachten rief er zur Vernunft auf. „Heute gibt es kein „Wir“ und kein „Ihr“ – alle Menschen gehören zu unserem ukrainischen Volk“, sagte er. Janukowitsch hatte zuvor die Opposition für die Eskalation der Gewalt verantwortlich gemacht.

Bereits am Mittwochabend hatte einer der Oppositionsanführer, der ehemalige Wirtschaftsminister Arsenij Jazenjuk, Janukowitsch öffentlichkeitswirksam ein Ultimatum gestellt. Man gebe ihm 24 Stunden, sagte er von der Bühne auf dem Maidan. In dieser Zeit müsse der Präsident Kompromisse eingehen – zurücktreten, die Regierung entlassen oder die neuen Gesetze, die Presse- und Versammlungsfreiheit einschränken, abschaffen. „Wenn der Präsident uns morgen nichts entgegenkommt, werden wir in die Offensive gehen“, sagte Ex-Boxprofi Vitali Klitschko.

„Wenn der Präsident nicht auf das Volk hört, wird das Volk zu ihm gehen“, sagt der 56-jährige Geschichtslehrer Viktor Janeschin. Er hofft aber bis zum letzten Moment, dass es keine weitere Gewalt geben wird. „Ich habe Angst, aber ich würde mit allen mitgehen“, sagt eine 30-jährige Designerin Irina Gontscharowa. Sie sagt, sie hoffe, dass westliche Sanktionen die ukrainische Führung zu einem Kompromiss bewegen können. Der Priester Vater Wolodymir aus der westlichen Ukraine sagt: „Es muss eine friedliche Lösung geben.“ Eine Hoffnung auf das Ende der Gewalt gab es erstmals gegen Mittag: Klitschko kam zu den Barrikaden auf der Gruschewskogo-Straße, wo Straßenkämpfe mit der Polizei die ganze Nacht gedauert hatten. Er rief den anwesenden Demonstranten zu einem Waffenstillstand bis zum Ende der Verhandlungen mit dem Präsidenten auf.

Für Klitschko war es ein wichtiger Moment. Viele Demonstranten sind von den Oppositionsführern enttäuscht und es wurde befürchtet, dass sie keinen Einfluss mehr auf die Proteste haben. Indem Klitschko einen Waffenstillstand vereinbarte, konnte er beweisen, dass die Menge noch auf ihn hört. Tatsächlich wurden am frühen Nachmittag brennende Autoreifen auf der Gruschewskogo-Straße gelöscht, das Schlachtfeld kam vorerst zur Ruhe.

In der Nacht waren auf der Gruschewskogo rund 50 Menschen verletzt worden, erzählt der Arzt Igor Raulinko, der freiwillig erste Hilfe auf dem umkämpften Platz leistet. „Meine Kollegen haben auch Wunden behandelt, die durch scharfe Munition hervorgerufen wurden “, sagt Raulinko. Viele Verletzte haben Angst davor, in normale Krankenhäuser zu gehen, weil sie dort wegen Teilnahme an Krawallen festgenommen werden können.

Angst vor dem Krankenhaus

Ukrainische Medien berichten, dass Verletzte in Krankhäusern vernommen werden. Am Montag wurden zwei Oppositionelle Aktivisten, Igor Luzenko und Juri Werbizki, sogar aus einem Krankenhaus entführt. Luzenko ist erst am Mittwoch wieder aufgetaucht. Er erzählte, er und Werbizki seien von einem Dutzend Männern entführt und in einen Wald gebracht worden, später in eine Garage. Er sei geschlagen worden, habe eine Gehirnerschütterung und ein blaues Auge davongetragen. Die Entführer fragten ihn unter anderem danach, wer die Proteste finanziere. „Ich habe mich am vergangenen Tag mindestens drei Mal vom Leben verabschiedet, aber jetzt bin ich okay“, schrieb er am Mittwoch auf Facebook. Die Entführer hätten ihn schließlich im Wald liegen gelassen. Die Leiche des zweiten Entführten, Juri Werbizki, wurde am Mittwochabend im Wald gefunden. Er wurde offenbar totgeprügelt. Tatsächlich geht die Polizei äußerst hart gegen Oppositionelle und Journalisten vor. In der Nacht auf Mittwoch wurden 15 Aktivisten der Bewegung „Automaidan“ festgenommen. Doch noch gibt es in der Ukraine Hoffnung auf einen friedlichen Ausgang.