Medien

Was vom #aufschrei übrig blieb

Twitter brachte den Dirndl-Skandal um FDP-Spitzenkandidat Brüderle ins Rollen. Ein Jahr danach ist die Hysterie verpufft

Es war ein kurzer Satz, der in der Nacht vom 24. zum 25. Januar 2013 ein kleines Erdbeben auslöste. Geschrieben hatte ihn die 31-jährige Kommunikationsberaterin Anne Wizorek aus Berlin auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „Wir sollten diese Erfahrungen unter einem Hashtag sammeln. Ich schlage #aufschrei vor“. Der Satz stand am Ende einer Diskussion mit anderen Nutzerinnen über sexuelle Diskriminierung.

Und doch wäre ihr Satz im großen Twittergezwitscher wohl nur einer unter vielen geblieben, hätte nicht am Vortag eine andere junge Frau, die Stern-Reporterin Laura Himmelreich, ein Porträt über den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle veröffentlicht. Auch dies wäre nur ein Artikel unter vielen geblieben, hätte Himmelreich darin nicht beschrieben, wie Brüderle am Rande eines Parteitagtreffens ein Jahr zuvor als Reaktion auf eine Frage, die auf sein Alter abzielte, Kommentare über ihre Oberweite gemacht hatte.

50.000 Tweets in einer Woche

Beide Vorgänge lösten auf Twitter eine Reaktion aus, wie sie der bis dahin eher als elitäres Nischenmedium wahrgenommene Nachrichtendienst noch nicht erfahren hatte. In weniger als einer Woche wurden in fast 50.000 Tweets eigene Erfahrungen von Diskriminierung geschildert und um das Thema Sexismus gestritten. Die traditionellen Medien, die den Vorgang fasziniert und doch misstrauisch beobachteten, konnten sich bald nicht mehr entziehen. Zu mächtig war der Effekt.

Bald setzte sich die Diskussion in Print, Hörfunk und Fernsehen fort, weitete sich aus, wurde in die Politik gespült und von dort wieder in die Medien zurückgeworfen. Betroffene, Verbände, Politiker. Jeder äußerte sich zum Thema, nahm eine Haltung ein, ob zustimmend, kritisch oder abfällig. Noch Monate später sollte sich der höchste Repräsentant des Staates, Bundespräsident Joachim Gauck, des Themas annehmen. Der „Tugendfuror“ befremde ihn, gestand Gauck in einem Interview mit dem „Spiegel“ und erntete dafür prompt einen weiteren Shitstorm in den sozialen Netzwerken.

Heute, ein Jahr später, scheint vom #aufschrei kaum ein Flüstern geblieben. Wer auf Twitter das Stichwort eingibt, bekommt nicht mehr Hunderte, sondern eine Handvoll Tweets pro Tag angezeigt. Einige davon widmen sich unter demselben Schlagwort völlig anderen Themen. Im Blog „Alltagssexismus“, der im Zuge der Debatte gegründet wurde, stammt der letzte Eintrag von Dezember. Auch aus der Öffentlichkeit ist das Thema wieder verschwunden.

Dennoch irrten die Kritiker, die den Initiatorinnen der Debatte vorwarfen, aus der berechtigten Forderung nach Gleichberechtigung eine „Schimäre namens Gleichstellung“ zu machen, die alsbald wieder verpuffen würde. Verpufft ist die Hysterie auf beiden Seiten. Der deutsche Mann ist in der öffentlichen Wahrnehmung vom potenziellen Sexmonster wieder auf Normalmaß geschrumpft. Die Gesellschaft hat sich nicht in eine durch-gegenderte Diktatur verwandelt, in der Vater und Mutter nur noch „Elter1“ und „Elter2“ genannt werden dürfen und Mädchen das Tragen pinker Kleidungsstücke unter Todesstrafe verboten ist.

Auch der Kontakt zwischen Politikern und Journalistinnen ist nicht nachhaltig gestört. Man spricht wieder normal miteinander, die nervösen Anspielungen auf die Diskussion sind aus den Gesprächen verschwunden. Ob Ex-Entwicklungsminister Dirk Niebel seine Ankündigung umsetzt, mit Medienvertreterinnen sicherheitshalber nur noch in Anwesenheit Dritter zu sprechen, lässt sich nicht überprüfen: Der Mann ist bekanntlich sein Ministeramt los.

Geblieben sind eine Menge Verlierer: ein Politiker, der sich vom Imageschaden nicht mehr richtig erholen konnte; eine junge Journalistin, die noch lange daran wird arbeiten müssen, mit anderen Themen in Verbindung gebracht zu werden. Und während jene Männer, für die sexistische Sprüche zur Alltagskommunikation gehören, das Thema höhnisch an sich abprallen ließen, hat es andere, die ohnehin respektvoll mit ihren weiblichen Mitmenschen umgehen, verunsichert.

Unbeantwortete Frage

Denn die große Frage, wo genau die Grenzen des Umgangs liegen, hat die Debatte nicht beantwortet. Stattdessen lieferte sie mit ihrer Sammlung an höchst unterschiedlichen Erlebnissen auch den Beweis, wie subjektiv diese Grenzen mitunter definiert werden. Das Sexismus-Trauma der einen ist die Flirt-Erinnerung der anderen.

War die Debatte also überflüssig? Nein. Geblieben ist ein Hashtag als Referenzpunkt, der Grundlage für künftige Diskussionen zum Thema sein wird. Geblieben ist die Erkenntnis, dass Twitter sich vom belanglosen Digitalgeplänkel-Forum zur Plattform für gesellschaftspolitische Debatten entwickelt hat. Der #aufschrei war seine Reifeprüfung.