Ex-Oligarch

Der Anwalt, der im Gulag gezeugt wurde

Michail Chodorkowski ist wieder in Berlin – und ehrt den Mann, der ihm Halt gab

Er wirkt müde. Manchmal schließt er die Augen, oft berührt er seinen Mund, seine Nase, seine Haare. Er sieht immer noch aus wie zu der Zeit, als er ein Häftling war. Die Haare kurz, die randlose Brille, vielleicht hat er seit dem Ende der Haft ein paar Kilo zugenommen. Als er an der Reihe ist, sagt er: „Ich möchte mich in erster Linie bedanken, dass ich heute hier etwas sagen darf.“

An die Wand ist ein Foto von Jurij Schmidt projiziert. Ein schlanker Mann, gepflegt, er lacht, die Krawatte hat er penibel gebunden, die Zigarette hält er distinguiert. Er sieht aus wie ein ehemaliger Hamburger Bürgermeister. Jurij Schmidt starb vor einem Jahr. Er war Chodorkowskis Anwalt.

Die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin gedenkt heute Jurij Schmidt, und zu Gast ist deshalb auch sein berühmtester Mandant. Chodorkowski will nichts zu seinen Plänen sagen oder zu Kreml-Chef Wladmir Putin, hieß es bei der Böll-Stiftung. Er sei da, um Schmidt zu ehren.

Lange sah es nicht so aus, als würden sich die Lebenswege der beiden kreuzen. Chodorkowski wurde in den chaotischen 90er-Jahren zum Milliardär, zu einem Oligarchen, dem Chef der Öl-Firma Yukos – und schließlich zum reichsten Mann Russlands. Bereits 1993 schrieben er und Leonid Newslin in „Der Mann mit dem Rubel“ ihre Weltsicht nieder: „Wir wollen nicht verbergen, dass wir beseelt sind vom Reichtum. Unsere Ziele sind klar, die Aufgaben festgelegt – wir wollen Milliardäre werden. Wir haben die Nase voll vom Leben nach Lenin!“ 2003 wurde Chodorkowski dann verhaftet, sein Konzern zerschlagen.

Auf der anderen Seite der Menschenrechtsanwalt Jurij Schmidt. Gezeugt im Gulag, 1937 geboren, seinen Vater lernte er erst in den 50er-Jahren kennen. Davor wusste er lange nicht, ob sein Vater überhaupt noch lebt oder vielleicht doch in einem Lager sitzt. Schmidt studierte Jura, durfte aber nicht als Anwalt praktizieren. Und doch half er Dissidenten, beriet sie seit den 70er-Jahren, der Breschnew-Ära. Später durfte Schmidt schließlich doch als Anwalt arbeiten.

Der Weg zueinander war nicht einfach, sagt Chodorkowski. Doch Schmidt habe ihm geglaubt, was sonst niemand gemacht habe. In Russland sei es so: Wenn man sagt, man sei unschuldig, muss man lange sitzen – wenn man seine Schuld eingesteht, kann es sogar sein, dass man auf Bewährung rauskommt.

Chodorkowski war kurz vor Weihnachten aus der Haft entlassen worden, flog sofort nach Berlin. Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher(FDP) hatte bei Wladimir Putin die Freilassung Chodorkowskis verhandelt. Ein paar Tage später wurden auch die beiden inhaftierten Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot entlassen. Putin, so heißt es, will vor den Winterspielen in Sotschi von den vielen Problemen in seinem Land ablenken.

Seit Anfang Januar lebt Chodorkowski in der Schweiz, dort hat seine Frau ein Haus, dort gehen seine Kinder zur Schule. Wie viel Geld der ehemals reichste Mann Russlands noch hat, ist nicht bekannt. Unter diesen Umständen ist es etwas seltsam, wenn Chodorkowski sagt, dass Russland zu einem „Räuberhort“ geworden ist – schließlich erwarb er sein Öl-Imperium in den 90er-Jahren auch nicht mit zweifelhaften Methoden.

Doch das hat Schmidt offenbar nicht interessiert. Ihm ging es um den Rechtsstaat. Um die Unschuldsvermutung. Und dass Chodorkowski offenbar aus politischen Gründen der Prozess gemacht wurde. Die grüne Russlandexpertin Marieluise Beck, die mit Chodorkowsi auf dem Podium sitzt, erzählt, wie Jurij Schmidt ihr kurz vor seinem Tod ein Foto seines Vaters, des Gulag-Häftlings, gezeigt habe. Schmidt sagte: „Sehen sie, das war mein Vater – und das ist doch auch Michail Chodorkowski.“