Plagiatsvorwürfe

Das Ende der Doktorspiele

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer verzichtet nach Plagiatsvorwürfen endlich auf den akademischen Titel

Offenbar hat CSU-Chef Horst Seehofer ein Machtwort gesprochen. Einen Tag lang schwieg die CSU zu den Vorwürfen gegen ihren Generalsekretär: Andreas Scheuer soll mit seinem Doktortitel unerlaubt getrickst und Teile der Dissertation abgeschrieben haben, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Am Freitag erklärte Scheuer dann, dass er auf das Tragen des Doktortitels verzichten werde. „Um eine kaum handhabbare Praxis beim Führen des Titels zu vermeiden, habe ich mich entschieden, vom Führen des Titels künftig völlig abzusehen“, sagte der CSU-Politiker der „Bild“-Zeitung. Kurz: Die Doktorspiele sollen schnell beendet werden. Mit Blick auf die anstehende Kommunalwahl in Bayern und die Europawahl im Mai kommt der Partei eine neue Diskussion über Titelsucht und Plagiatsvorwürfe äußerst ungelegen.

Ein CSU-Sprecher kündigte aber an, dass sich Scheuer um Aufklärung bemühen werde. Denn in seiner Doktorarbeit gibt es offenbar Passagen, die verblüffende Übereinstimmungen mit einer Wahlanalyse der Bundeszentrale für politische Bildung aufweisen, die schon 2002 in Zusammenarbeit mit der Hochschule Münster entstanden ist. Eine detaillierte Überprüfung der Arbeitsunterlagen für die Promotion habe ergeben, dass sich dort kein Textdokument der Universität Münster findet. „Andreas Scheuer wird gleichwohl die Universität Münster bitten, über Autorschaft und Entstehungsdatum des dortigen Textes Auskunft zu geben“, sagte der CSU-Sprecher der Berliner Morgenpost.

Promotion in Prag

Scheuer verfasste seinen Doktorarbeit an der Karls-Universität Prag. Titel der Arbeit: „Die politische Kommunikation der CSU im System Bayerns“. Er konnte die Arbeit in Deutsch abfassen und sich einer deutschsprachigen Kommission stellen. Doktorvater Rudolf Kučera sagte dazu der „FAZ“, ein solches Vorgehen sei „ganz normal“. Lehrveranstaltungen habe Scheuer in Prag nicht besucht. 2004 erhielt er jedenfalls den Titel „Doktor filozofie“, der in der Regel mit dem Zusatz „PhDr.“ geführt wird. Es handelt sich um ein sogenanntes kleines Doktorat, das heute auf der akademischen Höhe eines Bachelor-Master-Studiums anzusiedeln ist. Nur der Titel ist schöner.

Andreas Scheuer hätte gewarnt sein können, dass sein Titel auf den Prüfstand kommt. In einer Partei, die vor drei Jahren ihren Hoffnungsträger, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, wegen einer Plagiatsaffäre verloren hatte, haben Doktorarbeiten und ethische Wissenschaftsstandards einen besonderen Stellenwert.

Für den 39-Jährigen ist die Debatte auch nichts Neues. In seiner Heimatstadt Passau, wo Scheuer das humanistische Gymnasium Leopoldinum besucht und an der Uni studiert hatte, war der schöne Titel aus Prag schon 2005 ein großes lokalpolitisches Thema. Denn Scheuer hatte wiederholt auf den Vorsatz „Ph“ verzichtet und firmierte mit dem schlichten Namenszusatz „Dr.“.

Mitarbeiter von Stoiber

Damals zeichnete sich bereits der große Ehrgeiz Scheuers ab. Er war Mitarbeiter des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, zog im Zuge von dessen Kanzlerkandidatur über einen Listenplatz in den Bundestag ein. Das rief Neider und politische Gegner auf den Plan, es wurde eine harte lokalpolitische und juristische Auseinandersetzung geführt. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, stellte das Verfahren aber im Jahr 2005 ein. Zu dieser Zeit diskutierten aber auch die Wissenschaftsminister über die Anerkennung der Bildungsabschlüsse in osteuropäischen Staaten. 2007 erklärte die Kultusministerkonferenz, dass es sich beim tschechischen PhDr. nur um ein kleines Doktorat handele.

Eigentlich hätte Scheuer damit ein „Dr.“ vor dem Namen nicht mehr führen dürfen. Aber Bayern und Berlin machten eine Ausnahme für alle, die den kleinen Doktor vor 2007 gemacht hatten. „Bayern ging damals vom Vertrauensschutz aus“, sagt eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums. Eine Aberkennung des Titels wäre eine Benachteiligung gewesen: „Herr Scheuer ist auch heute berechtigt, den Titel Dr. zu tragen.“

Die neue CSU-Titelaffäre dürfte mit Andreas Scheuers Verzicht nicht beendet sein, dafür wird die Opposition schon sorgen. Bayerns SPD-Chef Florian Pronold forderte bereits: „Eine seriöse Aufklärung des Sachverhalts ist weiterhin nötig.“ Bayerns Grüne berufen sich auf den CSU-Slogan zur Armutszuwanderung: „Wenn sich die Plagiatsvorwürfe bewahrheiten, kann es nur eine Konsequenz geben“, sagte Fraktionschefin Margarete Bause: „Wer betrügt, der fliegt.“

Im Vergleich zu Guttenbergs zahlreichen abgeschriebenen Stellen erscheint der eine Plagiatsvorwurf gegen Scheuer übrigens eher marginal. Doch auch diesem hätte er aus dem Weg gehen können, wenn er rechtzeitig Instinkt gezeigt und schon frühzeitig auf den Dr. verzichtet hätte.