Begräbnis

Trauer am Sarg Scharons

Israels ehemaliger Regierungschef hatte im Leben viele Freunde und viele Feinde. Jetzt vereint er noch einmal die Israelis

Schweigend und gefasst ziehen die Menschen an dem schlichten, in eine weiß-blaue israelische Flagge gehüllten Sarg vorbei. Ariel Scharon, am Sonnabend im Alter von 85 Jahren gestorbener früherer Ministerpräsident, ist für sechs Stunden vor dem nüchternen Bau der Knesset, dem israelischen Parlament in Jerusalem, aufgebahrt. Blumen säumen die Wege. Hier bricht niemand in Tränen aus, keiner fällt in Ohnmacht oder muss in hilfloser Trauer gestützt werden. Zu lange hat Scharon im Koma gelegen, acht Jahre, der Tod kam nicht mehr überraschend.

Und doch, viele Menschen trauern, egal, ob sie Scharons Politik nun richtig fanden oder nicht. „Ich bin einfach hier, weil ich ihn liebte“, sagt der 31-jährige Scharon Waknin. „Den tapferen Soldaten und den Politiker.“ Der Mann, ganz in Schwarz gekleidet, ist mit einem Bus von Latrun aus nach Jerusalem gekommen. „Schon meine Eltern verehrten Scharon, deshalb haben sie mir meinen Namen gegeben“, erzählt er. „Und meinen Sohn habe ich Ariel genannt“, fügt er hinzu und lächelt schüchtern.

Ob sein großes Vorbild nach dem einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen die israelischen Siedler und das Militär auch aus dem Westjordanland abgezogen hätte? „Ich weiß es nicht, aber ich hätte es nicht gut gefunden“, gibt Waknin zur Antwort. „Der Gazastreifen zeigt, dass es Krieg gibt, wenn wir uns zurückziehen“, sagt er. Und auf die laufenden Friedensgespräche gibt er keinen Pfifferling: „Das wird nichts.“ Der australische Jude Trever Cohen pflichtet ihm bei: „Reine Zeitverschwendung.“

Das sehen Eti und Ariel ganz anders. Sie bezeichnen sich als „eher links“. Dennoch sind sie an diesem nasskalten Wintertag nach Jerusalem zum Sarg Scharons gekommen. „Ich fand vieles an seiner Politik falsch, aber ich bewundere ihn trotzdem“, sagt die Lehrerin Eti. Ihr Mann stimmt zu: „Er war umstritten, er hat Fehler gemacht, aber zum Schluss seines politischen Lebens hat er die richtigen Einsichten gehabt und sie dann auch umgesetzt.“ Damit meint er den von Scharon 2005 durchgeboxten Rückzug aus dem Gazastreifen.

„Wir hoffen, dass US-Außenminister Kerry Erfolg hat und es einen Friedensvertrag geben wird. Wir wollen nicht in einem Staat mit allen Palästinensern leben“, sag Eti, und Ariel nickt. „Er war nicht nur ein Kriegsheld und ein fähiger Politiker, sondern auch ein warmherziger Familienvater“, betont Ariel. „Das rührt mein Herz mehr an als viele andere Dinge, und so einem traue ich“, fügt der Vater von zwei Kindern hinzu. Und nein, er heiße rein zufällig Ariel.

Hoffnung auf Frieden

In der Schlange vor dem Sarg steht auch Orel. „Ich mochte die Person Scharon, aber ich fand nicht alles gut, was er getan hat“, sagt die 23-Jährige. „Besonders der Rückzug aus dem Gazastreifen war schlecht.“ Sie habe viele Freunde, die dort in den israelischen Siedlungen gelebt hätten. „Die haben bis heute kein richtiges Zuhause, kein Haus aus Stein wie im Gazastreifen“, klagt sie. „Ich hoffe auf Frieden mit den Palästinensern“, sagt sie, fährt dann aber fort: „Aber keine Israelis dürfen gezwungen werden, das Westjordanland zu verlassen. Und deshalb ist alles so schwierig.“

In Latrun in den Bergen vor Jerusalem regnet es, während die Menschen in die Sonderbusse zur Knesset steigen. Im sonnenverbrannten und meist staubtrockenen Israel ist Regen vor allem ein Anlass zur Freude. Und am Sarg unter offenem Himmel in Jerusalem kommt dann die Sonne durch. An diesem Montag ist eine Trauerfeier in der Knesset vorgesehen, bevor Scharon am Nachmittag auf seiner Farm im Süden Israels mit militärischen Ehren beigesetzt wird.

„Arik Scharon ist bereits vor acht Jahren von uns gegangen. Jetzt nehmen wir wirklich Abschied von ihm“, schrieb Justizministerin Tzipi Livni in einem Nachruf. Scharon hatte auf dem Höhepunkt seiner Macht einen Schlaganfall erlitten und war ins Koma gefallen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte nach einer Schweigeminute des Kabinetts, Scharon habe „vor allem verstanden, dass unsere Existenz von unserer Fähigkeit abhängt, uns selbst zu schützen“. Netanjahu, der derzeit unter Vermittlung der USA Friedensgespräche mit den Palästinensern führt, galt stets als Gegenspieler Scharons. So trat er als Finanzminister aus Protest gegen die Entscheidung des damaligen Ministerpräsidenten Scharon zum Rückzug Israels aus dem Gazastreifen zurück.

Der 1928 als Sohn weißrussischer Einwanderer geborene Scharon kämpfte in allen Kriegen seit Staatsgründung Israels und ging häufig als Sieger hervor. Nachdem er in verschiedenen Regierungsämtern den Bau jüdischer Siedlungen in den besetzten Gebieten zunächst forciert hatte, vollzog er als Ministerpräsident eine Kehrtwende und forderte den einseitigen und bedingungslosen Rückzug aus dem Gazastreifen. Damit überwarf er sich mit seiner konservativen Likud-Partei, verließ sie und gründete 2005 die Kadima-Partei.

Präsident Schimon Peres würdigte seinen langjährigen Wegbegleiter als tapferen Soldaten und mutigen Staatsmann, der viel zur Sicherheit und zum Aufbau des israelischen Staates beigetragen habe. „Arik liebte sein Volk, und sein Volk liebte ihn.“